Elke Grundler

Katastrophe–Problem–Skandal

Elke Grundler

Emotionalisierung in den Medien

Welche Bilder entstehen bei Ihnen, wenn Sie in einer Überschrift einmal auf den Begriff Wohnungsnot, ein anderes Mal auf den Begriff Wohnungsproblem stoßen? Vermutlich erweckt der erstgenannte Begriff eher den Eindruck einer besonders zugespitzten drängenden Lage. Ob ein Sachverhalt als Not oder als (zu lösendes) Problem bezeichnet wird, erzeugt unterschiedliche Bilder.
Das Beispiel zeigt, dass mit der Wahl bestimmter Begriffe Stimmungen erzeugt werden können. In den Medien kann teilweise eine Hinwendung zur Emotionalisierung, Ideologisierung und Skandalisierung politischer (und anderer) Sachverhalte beobachtet werden. So entstehen innerhalb eines politischen Kontextes Schlagwörter, die motiviert sind, die Wirklichkeitserfahrungen der Öffentlichkeit zu lenken, Beispiele dafür sind etwa Einwanderungsland, Quotenfrau, Flüchtlingswelle.
Solche Begrifflichkeiten sollen mithilfe unterschiedlicher Wortbildungen bewusst Assoziationen in der Öffentlichkeit erzeugen. In diesem Zusammenhang wird im Deutschunterricht die zwar nicht neue, aber in den letzten Jahren verdrängte Aufgabe sichtbar, die Sprachbewusstheit der Schüler auch zu fördern, um manipulative Tendenzen in der medialen Welt zu durchschauen.
In diesem Unterrichtsmodell führen Sie Ihre Schüler ausgehend von der Diskussion um Diesel, Fahrverbote und Softwarevertuschungen an ein sprachliches Verfahren heran, das sich der Journalismus, die Politik, aber auch Privatpersonen in sozialen Netzwerken zunutze machen, um einen zunächst neutralen Sachverhalt durch den Gebrauch überwiegend reißerischer Komposita zu skandalisieren und zu emotionalisieren. Es geht um das Aufspüren sprachlicher Mittel, die spezifische Wirklichkeitsinterpretationen nahelegen. Damit fördern Sie das Sprachbewusstsein in pragmatischer, aber auch in formalgrammatischer Perspektive.
Begriffliche Vorstellungsbilder entwickeln
Beginnen Sie die Unterrichtseinheit, indem Sie die Schüler Vorstellungsbilder von Begriffen assoziieren lassen, die im weiteren Unterrichtsverlauf das Grundwort (Determinatum) einer Wortkomposition darstellen (vgl. Infokasten 1). Teilen Sie dazu die von Ihnen bereits zerschnittenen Begriffskarten (AB 1 ) an Zweiergruppen aus. Dabei erhalten immer zwei Schülerpaare denselben Begriff zur Bearbeitung. Den Arbeitsauftrag finden die Schüler auf der Begriffskarte. Im Mittelpunkt steht, dass die Schüler eigenständig Vorstellungen zu den Begrifflichkeiten entwickeln. Die Vorstellungen entwickeln sich voraussichtlich in ihrer prototypischen Bedeutung.
Das Determinativkompositum
Das Determinativkompositum
Im Mittelpunkt der Einheit steht die prototypische Wortkomposition des Substantivs, wie sie bei Haustür/Gartentür, bei Kaffeetasse/Teetasse oder bei Blumentopf/Kochtopf je vorliegt. Es besteht aus zwei substantivischen Bestandteilen. Der zweite Bestandteil ist stets der sogenannte Kopf der Einheit und legt die grammatischen Eigenschaften fest. An ihm wird das Genus bestimmt und die Flexion markiert. Der erste Teil bestimmt den zweiten Teil in seinen semantischen Eigenschaften näher. So geht es in den genannten Beispielen nicht um irgendeine Tür, sondern um eine Haustür oder eine Gartentür. Nicht aber um eine Zimmertür, eine Stalltür usw. (analog die anderen Beispiele). Diese Modifikatoren der Tür werden als Determinans, die zweiten Bestandteile des Kompositums als Determinatum bezeichnet (vgl. Eisenberg 1998, 217f.).
In dem Unterrichtsmodell wird durch die Schlagwortsetzung „Diesel das grammatische Grundprinzip zwar nicht verändert, dennoch scheint eher der zweite Bestandteil der Kompositionen das Schlagwort zu modifizieren und damit meinungsbildend zu sein: Das Schlagwort Diesel in Dieselkatastrophe, Dieselproblem oder Dieseldesaster wird genutzt, um sowohl einen technischen als auch einen rechtlichen Sachverhalt grob vereinfachend zu umreißen. Dieser wird durch das Grundwort (Determinatum)...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 60 / 2019

Wortbildung

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 9-10