Doris Tophinke | Evelyn Ziegler

„Hömma“

Mit Hömma bringen auch die Ultras in Bielefeld ihre regionale Verbundenheit zum Ausdruck.
Mit Hömma bringen auch die Ultras in Bielefeld ihre regionale Verbundenheit zum Ausdruck., © dpa

Doris Tophinke | Evelyn Ziegler

Emblematischer Gebrauch von Dialektausdrücken

Moin, moin und da nich für sind Dialektausdrücke, die auch von Nicht-Dialektsprechern genutzt werden. Es sind Äußerungen, die im öffentlichen Raum oder in den Medien vorkommen und als vermeintlich typische Dialektausdrücke gelten. Im vorliegenden Modell entdecken die Schülerinnen und Schüler diese emblematische Funktion von Dialekten, erfassen deren mediale Verbreitung und erkennen deren identitätsbildende Funktion.

Der Gebrauch eines tiefen Dialekts ist in Deutschland heute in Alltagsgesprächen nicht mehr der Normalfall. Die „Basissprache (Androutsopoulos/Ziegler (im Ersch.)), die wir in Gesprächen gebrauchen, ist eine Varietät, die zwar noch areal geprägt ist, aber der Standardsprache deutlich näher ist.
Dennoch sind die Dialekte keineswegs verschwunden. Sie sind einmal ein Thema und Gegenstand öffentlichen Interesses. Dies zeigen nicht nur die vielfältigen Dialektpflege-Aktivitäten, dies zeigt auch das politische Interesse, das an den Dialekten besteht (vgl. Basisartikel) sowie nicht zuletzt die Präsenz des Themas Dialekt in den sozialen Medien. Gruppen und Individuen äußern in unterschiedlichen Konstellationen ihre Einstellungen zum Dialekt und konstruieren regionale Identitäten (Tophinke 2008, Tophinke/Ziegler 2014).
Dialekte sind aber nicht nur ein Thema, also etwas, über das gesprochen und geschrieben wird, sondern in den sprachlich-kommunikationen Situationen des Alltags kommen auch noch Dialektausdrücke und kurze dialektale Äußerungen vor. Sie begegnen in Kontexten der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit:
Sprecher*innen „switchen, d.h. wechseln in Gesprächen punktuell in den Dialekt. Dies kann vielgestaltig erfolgen, wenn sie den Dialekt noch beherrschen. Es kann sich aber auch darauf beschränken, einzelne Dialektausdrücke oder Dialektsprüche wiederzugeben (moin moin, da nich für, mia san mia, uffbasse), wozu es keiner aktiven Beherrschung des Dialekts mehr bedarf. Dialekt begegnet aber nicht nur in Gesprächskontexten, sondern auch in verschiedenen kulturellen bzw. medialen Feldern, etwa in der Musikkultur oder in den Werbemedien (Material 1 – Material 6). Auch im städtischen Raum finden sich viele Spuren des Dialekts, etwa in Form dialektaler Orts-, Straßen- oder Geschäftsnamen (Schölerpad/Schülerpfad; Kiek in/Guck rein; Am Diek/Am Teich; Kapelle Hillige Seele/Kapelle Heilige Seele), auf Plakaten oder gestaltet als Graffitis (vgl. Basisartikel). Solche Formen gehören zur „landscape bzw. „cityscape der Stadt und werden in der sogenannten „Linguistic-Landscape-Forschung untersucht (vgl. Redder et al. 2013 für Hamburg, Ziegler et al. 2018 für die Metropole Ruhr).
Emblematischer Gebrauch von Dialekten
Reershemius (2009) spricht mit Blick auf solche Formen von einem „post-vernacular language use, d.h. einem Gebrauch, bei dem der Dialekt nicht mehr als Alltagssprache verwendet wird, sondern aus anderen Gründen genutzt wird: aus Freude am Sprachspiel, um Bezüge zu einer Gruppe oder regionalen Kultur herzustellen. Nach Androutsopoulos/Ziegler (im Ersch.) lässt sich weiter zwischen einem Gebrauch als „Code oder einem Gebrauch als „Emblem unterscheiden. Der Gebrauch als Code liegt vor, wenn die Varietät noch (mehr oder weniger) beherrscht wird und – neben der standardnahen Varietät – funktional eingesetzt werden kann. Dies ist für die tiefen Dialekte in Deutschland kaum mehr der Fall. Ein emblematischer Gebrauch liegt vor, wenn die Dialektausdrücke wie Versatzstücke genutzt werden und es sich um Ausdrücke handelt, die ihren Status als vermeintlich typische Dialektausdrücke medialer Vermittlung verdanken. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies stimmt oder nicht.
Das Modell macht den emblematischen Gebrauch zum Gegenstand des Unterrichts. Lange Zeit wurde er in der Forschung kaum betrachtet. Weil er mit dem Gebrauch des Dialekts als Basissprache teilweise gar nichts mehr zu tun hat und auch die...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 275 / 2019

Dialekte heute

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-11