Johannes Wild

Herausfordernde Lernumgebungen schaffen

Mit einem auf Gegenstand und Schüler genau abgestimmten Aufgabenschema, das fest eingehalten wird, lassen sich solche Erfahrungen vermeiden.
Mit einem auf Gegenstand und Schüler genau abgestimmten Aufgabenschema, das fest eingehalten wird, lassen sich solche Erfahrungen vermeiden., Quelle: Photographee.eu/stock.adobe.com

Johannes Wild

Von der Textauswahl zur Aufgabenkonstruktion

Beinahe alle Fächer setzen das Leseverstehen zwar voraus, fördern es aber selten explizit. So erarbeiten die Schülerinnen und Schüler im Biologieunterricht zum Beispiel den Aufbau einer Zelle, lösen im Mathematikunterricht Textaufgaben und erschließen sich Textquellen im Geschichtsunterricht. Eine ausreichende Lesekompetenz ist demnach von zentraler Bedeutung für alle Fächer und bildet die Grundlage für schulischen Erfolg. Durch die Auswahl geeigneter Texte und Aufgaben zum Aufbau von Lesekompetenz können alle Fächer zur Leseförderung beitragen.
Als Deutschlehrkraft kennen Sie das Problem, motivierende und angemessene Texte zu finden, die Sie in Ihrem Unterricht gewinnbringend einsetzen können. Ein langfristiges Lesetraining ist oft nicht möglich, weil geeignete Texte nicht in ausreichender Zahl vorliegen oder thematisch nicht passen. Darüber hinaus fehlen in der Regel begleitende Aufgaben, die auf das Leseverstehen zielen und unterschiedliche Leistungsniveaus berücksichtigen.
Geeignete Texte auswählen
Neben einer motivationalen Passung sollten Sie bei der Auswahl von Texten ein besonderes Augenmerk auf die sprachliche Angemessenheit legen. Untersuchungen (u. a. Ballstaedt et al., 1981) zeigen, dass sich eine fehlende Passung des sprachlichen Niveaus negativ auf die Sinnentnahme und das Behalten auswirken kann. Das ist etwa der Fall, wenn Texte wenig strukturiert, Sätze zu lang oder zu viele unbekannte Wörter enthalten sind.
Einen ersten Anhaltspunkt für die sprachliche Schwierigkeit geben sogenannte Lesbarkeitsindizes. Sie erfassen die sprachliche Schwierigkeit eines Textes, indem sie quantitative Textmerkmale (z.B. Wortlänge, Satzlänge) erfassen. Mit ihrer Hilfe kann das Anspruchsniveau eines Textes schnell und zuverlässig vorhergesagt werden (vgl. Bamberger & Vanecek, 1984). Bekannte und einfach zu interpretierende Indizes sind der LIX („Lesbarkeitsindex) und der gSmog („german Simple Measure of Gobbledygook). Beispielsweise besagt ein gSmog von 7, dass der Text einem durchschnittlich lesenden Siebtklässler sprachlich keine Probleme bereitet. Lesbarkeitsindizes können ohne großen Aufwand computergestützt berechnet werden, etwa mit Hilfe des Regensburger Analysetools für Texte (RATTE; Wild & Pissarek, o. J.). Hinsichtlich eines systematischen und langfristigen Lesetrainings ist es nicht nur wichtig, dass die Texte sprachlich angemessen sind, ihre Schwierigkeit und Länge sollte über das Training hinweg konstant bleiben. Die Schüler können sich ansonsten nicht realistisch einschätzen und erkennen keine Fortschritte.
Darüber hinaus sollten Sie die vorliegenden Texte auch einer kritischen Prüfung hinsichtlich ihrer Kohärenz und ihres Inhalts unterziehen, etwa:
  • Hat der Text einen roten Faden, ein zentrales Erkenntnisziel und Thema?
  • Werden neue und schwierige Konzepte oder Fachbegriffe (verständlich) erklärt?
  • Ist der Text gegliedert? Gibt es sprachliche Gliederungshinweise?
  • Werden zur Verdeutlichung von Sachverhalten Grafiken eingesetzt? Wird auf diese im Text verwiesen?
  • Wird auf die Lebens- und Erfahrungswelt der Jugendlichen Bezug genommen?
Viele der Texte, die üblicherweise im Unterricht eingesetzt werden, enthalten eine zu hohe Informationsdichte oder setzen unbekannte Konzepte voraus (zum Begriff des Konzepts siehe den Beitrag von Pronold-Günthner).
Herausfordernde Aufgaben erstellen
Um Schülern Feedback auf ihre Leseleistung zu geben und um deren Lernstand festzustellen, benötigen Sie Aufgaben, die das Textverstehen differenziert prüfen. Dabei sollten sowohl die schwachen als auch die starken Leserinnen und Leser mit herausfordernden Aufgaben konfrontiert werden. Die Aufgaben müssen deshalb verschiedene Niveaustufen des Leseverstehens abdecken. Dabei sollten bei Prüfungsaufgaben (z.B. zur Notengebung) alle Aufgaben von den starken Schülern gelöst werden können, schwächere Kinder bewältigen einen Teil davon. Bei...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 61 / 2019

Leseförderung

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