Nicole Neumeister

Erklären als sprachliche Handlung

Nicole Neumeister

Zugänge im Deutschunterricht schaffen

„Das hab ich jetzt nicht verstanden. Können Sie mir das nochmal erklären? Diese oder ähnliche Äußerungen sind häufiger im Unterricht zu hören. Wohl auch deshalb gehört Erklären zu den sprachlichen Handlungen, die oft mit dem Kontext Schule und Lernen in Verbindung gebracht werden. So machen viele Schülerinnen und Schüler die Qualität von Unterricht an der Erklärkompetenz der Lehrperson fest und in der Lehrerausbildung sowie der Fachdidaktik zählt das Erklären zu den zentralen Kompetenzen einer Lehrperson (vgl. Ossner, 2006). Doch nicht nur Lehrpersonen sind in der Rolle der Erklärenden tätig, auch Schülerinnen und Schüler sind im Unterricht als Erklärende aktiv, sei es in kooperativen Lernformen oder den lehrerzentrierten Unterrichtsformen. Neben dem schulischen Kontext sind wir zudem im außerschulischen Leben sowohl in der Rolle des Erklärenden als auch in der Rolle des Erklärung-Suchenden immer wieder gefragt, zum Beispiel bei Wegauskünften oder Bau- und Bastelanleitungen.
Doch obwohl das Erklären zu den häufig vorkommenden sprachlichen Handlungen in unserem Alltag gehört, gibt es bislang verhältnismäßig wenig Forschungen, die sich genauer mit dieser Sprachhandlung befassen, was mitunter der Komplexität und Vielschichtigkeit des Gegenstandes geschuldet ist. Unter wissenschaftlicher Perspektive ergeben sich jedoch genau daraus vielfältige Zugänge. Einige dieser Zugänge greift dieser Beitrag heraus und stellt sie kurz vor, um sich der Sprachhandlung Erklären anzunähern.
Erster Zugang: Die Wortbedeutung
Eine erste Annäherung an die Sprachhandlung Erklären ermöglicht der semantische Zugang. Im vorliegenden Heft geht es um das Erklären in der Verwendungsweise von jemandem etwas klar machen, das sich unter semantischer Perspektive (vgl. DUDEN, 1999: 1082) noch weiter differenzieren lässt als:
  • deutlich machen/so erläutern, dass der andere die Zusammenhänge versteht,
  • begründen/deuten aus psychologischer Sicht (z. B. das Verhalten einer Person erklären) und
  • seine Begründung in etwas finden (z.B. Das erklärt sich aus der Tatsache ...; die Ursachen dafür sind zu finden in ...; der Grund dafür ist, dass ...).
Diese verschiedenen Bedeutungsnuancen weisen auf eine gewisse Nähe zu anderen sprachlichen Handlungen hin, von denen das Erklären nur schwer abzugrenzen ist, und zwar zu den Handlungen Erläutern, Beschreiben, Begründen und Deuten. Aufgrund dieser begrifflichen Nähe finden sich in der Literatur zwei Auffassungen von Erklären:
In einer weit angelegten Auffassung, auch als „Erklären1 bezeichnet, werden sämtliche wissensvermittelnde Handlungen, die dazu beitragen, eine Wissenslücke beim Erklärung-Suchenden zu schließen, mit dem Begriff Erklären gleichgesetzt. Dagegen vertreten andere Autoren die Meinung, dass Erklären zwar eine wissensvermittelnde Handlung ist, aber nicht alle wissensvermittelnden Handlungen als Erklären bezeichnet werden. Diese enger angelegte Auffassung („Erklären2) geht von einer größeren Komplexität und Tiefe bei der Wissensvermittlung aus, in der ein Einsichtigmachen verborgener Zusammenhänge bzw. das Verbalisieren eines Funktionszusammenhangs im Vordergrund steht.
(vgl. Neumeister, 2011: 95f.)
Eine weitere Bedeutungsperspektive eröffnet der Blick auf die morphologische Zusammensetzung des Verbs erklären. Aufgrund seiner Entstehung aus dem Adjektiv klar und dem Präfix er- gehört es zu den sogenannten Bewirkungsverben. Diese Gruppe von Verben gibt an, was ein Subjekt (eine Person), durch eine bestimmte Tätigkeit bei einem Objekt (z.B. einer anderen Person) bewirken kann (vgl. DUDEN, Bd. 4, 1998: 477). Übertragen für das Erklären bedeutet dies, dass ein Erklärender (Subjekt) einem Erklärung-Suchenden (Objekt) durch die Erklärung den Erklärgegenstand klar macht. Daraus lässt sich für das Erklären eine typische Handlungskonstellation ableiten, die aus drei Konstituenten besteht:
  • einem...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 59 / 2019

Erklären

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-10