Rasmus Frederich

Die Leute wollen …

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Rasmus Frederich

Wenn ich meinen Standpunkt durchsetzen möchte, dann ist es immer gut, diese Meinung nicht nur selbst zu vertreten, sondern vielmehr das Sprachrohr vieler zu sein. Das erhöht meine Autorität und macht mich persönlich zugleich weniger angreifbar. Ich bin ja nur der Fürsprecher all jener, deren Standpunkt ich wiedergebe. „Die Leute ist dabei ein rhetorisches Mittel, das fehlende Konkretion („Leute wird nicht klar umrissen oder definiert) mit einem Anspruch der Allgemeingültigkeit verbindet. „DIE Leute unterscheidet sich eben deutlich von „EINIGE Leute. „Die Leute kann mir also wunderbar helfen, Behauptungen ohne valide Datengrundlage in die Welt zu setzen und sie zugleich als allgemeinen Konsens zu markieren. Die (schweigende) Mehrheit steht hinter mir, darum ist es richtig, was ich sage.
Die Textform
Dieses Vorgehen und seine weite Verbreitung nimmt Imre Grimm in seiner Glosse Die Leute (vgl. Kasten) aufs Korn. Diese ist, wie viele Glossen, dreiteilig strukturiert: Der Themenumschreibung folgt eine genauere Betrachtung des Themas, die von einer Pointe abgeschlossen wird: Grimm leitet ein, dass „die Leute für fast jeden Standpunkt herangezogen werden, den man vertreten kann, und er sich somit frage, wer „die Leute eigentlich sind. Dann bebildert er das Thema mithilfe von 13 Beispielen, deren Aneinanderreihung die inhaltslose Allverwendbarkeit dieser Floskel derart überspitzt, dass sie die Leser erheitert und zugleich die kritische Haltung des Verfassers dem Phänomen gegenüber verdeutlicht. Ein typisches Merkmal der Textform Glosse. Gleiches gilt für die Ironie im verallgemeinernden Zwischenfazit, das hervorhebt: „Die Leute [mögen] keine Verallgemeinerungen wie diese hier. Schließlich leiten sechs rhetorische Fragen, die die Widersprüche der zuvor zitierten Aussagen hervorheben, zur Pointe hin, dass es „die Leute zum Glück gar nicht gebe man könne also beruhigt das Wochenende genießen.
Die vorliegende Glosse erfüllt viele typische Merkmale dieser journalistischen Textform, die sich der gängigen Einteilung journalistischen Schreibens in informierende (Bericht, Reportage ) und meinungsbildende (Kommentar, Leitartikel) Textkategorien nicht fügt. Die Glosse, in ihrer überspitzt kritischen Betrachtung eines Alltagsphänomens, soll vor allem unterhalten und zugleich zur Reflexion anregen. Damit ist sie viel freier gestaltbar als die anderen journalistischen Textformen und enthält mitunter sogar einen Hauch literarischer Verfahren.
Eine Glosse erschließen
Im Unterricht könnte der Erschließung von Inhalt, Aufbau und Funktion der Glosse eine Suche nach weiteren „die Leute-Zitaten folgen. Diese könnten die Beispiele aus dem Text ergänzen und so aus den Ergebnissen der Lernenden heraus das Feld möglicher Positionen „der Leute erweitern. Eine weitere Möglichkeit wäre, sich auf die Suche nach Phrasen zu begeben, die in ähnlicher Weise verwendet werden, z.B.: „unsere Kundinnen und Kunden, „die Leserinnen und Leser, „die Bevölkerung, „die Wählerinnen und Wähler etc. Diese Sammlung könnte dann genutzt werden, um eine eigene Glosse zu verfassen, die sich an den zuvor erarbeiteten Merkmalen orientiert.
Vertiefend wäre dabei ebenfalls möglich, die Zweischneidigkeit solcher Formulierungen zu hinterfragen: In dem Moment, in dem ich mich zum vermeintlichen Sprachrohr „der Leute mache, suggeriere ich eine große Nähe zu diesen und „ihrer Meinung. Zugleich grenze ich mich jedoch mit dem Verweis auf diese „Leute deutlich von ihnen ab: „Die Leute ist kein „wir. Das impliziert eine überlegene Distanz der Sprecherin bzw. des Sprechers, die/der weiß, was andere wollen, denken, erwarten, erträumen selbst davon aber nicht berührt ist. Ob „die Leute das wohl mögen, wenn sie es durchschauen?
Die Leute
Die Leute
„Die Leute haben Greta satt hat Jürgen von der Lippe kürzlich behauptet und damit ein mehrminütiges Digitalerdbeben ausgelöst. Das wirft die Frage auf: Wer sind...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 281 / 2020

Textprozeduren: Lesen und Schreiben

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 9-11