Die andere Seite

Wie sollen Brexit-Befürworter und -Gegner zu einer zivilisierten Debatte zurückfinden, wenn beide Seiten überzeugt sind, dass nur die anderen voreingenommen sind?
Wie sollen Brexit-Befürworter und -Gegner zu einer zivilisierten Debatte zurückfinden, wenn beide Seiten überzeugt sind, dass nur die anderen voreingenommen sind? , © „Was du auch sagst, du wirst es bereuen“, Süddeutsche Zeitung,  Sebastian Hermann , SZ vom 11.09.2018 © Süddeutscher Verlag
Wenn in der Schule Argumentieren und richtiges Diskutieren unterrichtet wird, beginnen Unterrichtseinheiten oftmals mit Übungen zum aktiven Zuhören. Dann werden verschiedene Argumentarten sowie das Stützen von Argumenten durch Beispiele und Belege thematisiert. Es folgen Anwendungen wie etwa Erörterungen oder unterschiedliche Diskussionsanordnungen, wobei häufig die adressatenorientierte Anordnung der Argumente ein besonderes Augenmerk erhält. Die Schüler*innen lernen auf diese Weise, ihre Position überzeugender darzulegen.Was aber, wenn all die Mühen umsonst sind, weil es gar nicht darauf ankommt, was gesagt wird?
Entscheidend für meine Zustimmung oder Ablehnung ist, WER ein Argument vorträgt, führt Sebastian Herrmann in seinem Artikel Die andere Seite hat niemals recht aus. Hierbei bezieht er sich auf eine Studie. Dieses Phänomen betreffe nicht nur umstrittene Themen (Migration, Brexit etc.), sondern auch „triviale Aussagen, die für sich allein keinen Konflikt verursachen würden. Das Wer-sagt-es meine dabei nicht nur den aktuellen Sprecher, sondern auch die historische oder literarische Quelle, der ein Zitat zugeordnet wird. Die zitierte Studie hält fest:
  • Je involvierter eine Person in ein Thema ist, desto stärker seien Ablehnung bzw. Zustimmung.
  • Es hat keine Auswirkungen auf den Effekt, ob spontan oder mit Bedenkzeit auf ein Zitat reagiert wird.
  • Der Bildungsgrad hat keine Auswirkungen auf den Effekt.
  • Der Effekt ist im gesamten politischen Spektrum zu beobachten.
Zudem würden im Bemühen um Abgrenzung kleine Unterschiede zwischen Positionen überbetont und die Aussage der Gegenpartei dann abgelehnt. Dies erschwere natürlich das Finden von Kompromissen.
Dies „Wir-gegen-sie-Denken habe sich bereits in früheren Studien beobachten lassen, ebenso die Tatsache, dass alle Seiten Fakten und wissenschaftliche Erkenntnis infrage stellen, wenn diese nicht zur eigenen Position passen.
Unklar bleibt, wie mit diesen Erkenntnissen umzugehen ist. Wie kommt man von einer stark polarisierten Konfrontation zu einem kompromissorientierten Austausch von Argumenten? Sebastian Herrmann verweist diesbezüglich verschmitzt auf die Sprüche Salomos: „Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen.
Im Unterricht kann der beschriebene Effekt anhand von aktuellen Beispielen untersucht werden. Es bieten sich Zitate von Politikern verschiedener Parteien bzw. entsprechende Wahlwerbung an. Die Lernenden können aber auch eigene Erfahrungen reflektieren: Von wem nehme ich Ratschläge an von wem nicht? Gibt es Mitschüler, deren Vorschläge ich nie ernsthaft in Betracht ziehe oder im Gegenteil immer bevorzugt berücksichtige. Außerdem sollte geklärt werden, welches Ziel wir eigentlich in Diskussionen verfolgen. Geht es nur um Gewinnen oder Verlieren? Das Durchsetzen der eigenen Meinung oder die Niederlage? Oder geht es darum, zu einem Konsens zu kommen, der allen Seiten eine weitere Zusammenarbeit ermöglicht? In Zeiten, in denen von allen Seiten eine Verrohung der öffentlichen Debatten beklagt wird, hat Schule hier eine wichtige Vorbildfunktion für den demokratischen Prozess. Es sollte also gemeinsam mit den Lernenden geklärt werden, in welche Kontexte Diskussionen eingebettet werden können, um das gegenseitige Zuhören zu fördern. Z.B. kann einer geplanten thematischen Diskussion ein formloser Austausch vorangestellt werden, der Gemeinsamkeiten aller Beteiligten in den Blick nimmt. Es kann bespw. an gemeinsame Erlebnisse erinnert werden. Das nimmt den Fokus vom Trennenden und betont das Verbindende. Werden diese Erfahrungen ins außerschulische Leben mitgenommen, wäre ein erster Schritt gemacht.
Rasmus Frederich
Die andere Seite hat niemals recht
Die andere Seite hat niemals recht
Kämpfer aller Lager gießen in den sozialen Medien Verachtung übereinander aus und donnern einander schwere Keulen auf die digitalen Schädel. Immerhin existierten bisher neutrale Zonen, in denen die...
Praxis Deutsch
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Praxis Deutsch abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

Kritik üben

Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10