Doris Tophinke

Dialekte heute

Was wir „deutsche Sprache“ nennen, ist ein Gefüge von Varietäten bzw. Subsprachen des Deutschen.
Was wir „deutsche Sprache“ nennen, ist ein Gefüge von Varietäten bzw. Subsprachen des Deutschen., © Animaflora PicsStock/stock.adobe.com

Doris Tophinke

Mia san mia, Mudda und Moin sind dialektale Äußerungen, die Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich bundesweit verstehen. Daneben gibt es aber „alte Basisdialekte, die heute kaum noch gesprochen werden. Was unterscheidet diese Dialekte? Warum sind einige von ihnen in den digitalen Medien, in Werbung, Kabarett und Jugendkultur präsent und welche Inhalte sollten im Deutschunterricht thematisiert werden?

Dialekte als Thema des Deutschunterrichts
Dialekte in den Lehrplänen
Das Thema Dialekte betrifft die Schule, gerade auch gegenwärtig. Im August 2018 wurde in den öffentlichen Medien berichtet, dass Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, eine Initiative zum Erhalt der Dialekte im Bundesland – Schwäbisch, Fränkisch und Alemannisch – plant. Im September 2018 informierten die öffentlichen Medien über eine ähnliche Initiative des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Es sollen die Dialekte im Bundesland Bayern – Schwäbisch, Fränkisch und Bairisch – gefördert werden. In beiden Fällen wird dies auch als schulische Aufgabe betrachtet.
Schon jetzt sehen die Lehrpläne der Bundesländer die Behandlung der Dialekte ausdrücklich vor. Sie folgen dabei weitgehend den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz, die die Thematisierung von Dialekten dem Kompetenzbereich „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen zuordnen.1 Es geht darum, „Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprachen zu entdecken (KMK 2005, Primarbereich) und die „Sprachen in der Sprache (KMK 2004, Mittlerer Schulabschluss) kennenzulernen.
Eine besondere Aufgabe kommt der Schule in Bundesländern zu, in denen historisch Plattdeutsch – die wissenschaftliche Bezeichnung ist Niederdeutsch – gesprochen wurde. Dies sind die Bundesländer, die oberhalb der niederdeutsch-hochdeutschen Sprachscheide liegen (vgl. Abb. 3). Niederdeutsch, das historisch gesehen eine eigene Sprache ist, ist in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprache genannt und als Regionalsprache anerkannt.2 Dies verpflichtet die betreffenden Bundesländer u.a. dazu, Maßnahmen zu ergreifen, um Niederdeutsch wiederzubeleben. Das Land Hamburg geht sehr weit und sieht in seinen Lehrplänen ähnlich dem Englischunterricht – sogar Niederdeutschunterricht vor.3
Wie soll oder kann die Schule mit diesen Bildungsaufgaben und Erwartungen umgehen? Was ist sinnvoll? Was ist möglich? Ein differenzierter Blick ist wichtig:
Dialekte im Sinne der „alten Basisdialekte sind heute bereits weitgehend verschwunden. Sie lassen sich im schulischen Unterricht nur noch (sprach-)geschichtlich betrachten. Ihren „Sitz im Leben hatten sie in lokal orientierten, dörflichen Bezugswelten, die im Zuge der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts ihre Relevanz gänzlich verloren haben. Kulturveranstaltungen, auf denen Dialektliteratur vorgetragen wird, halten Basisdialekte noch im kollektiven Gedächtnis wach. Auch Dialektatlanten und Tondokumentationen, wie sie die dialektologische Forschung erstellt hat, informieren über Basisdialekte und halten sie zugänglich.
Sind die Basisdialekte auch verschwunden, so ist Dialektalität aber dennoch gegenwärtig. Der Sprachgebrauch ist nach wie vor areal geprägt, wenn auch deutlich schwächer und großräumiger (Tophinke 2017, S.337). In Norddeutschland spricht man anders als in Süddeutschland und auch innerhalb dieser Großräume zeigen sich sprachliche Unterschiede. Kinder erwerben ein stets areal geprägtes Deutsch; dies gilt auch für DaZ- und DaF-Lerner/-innen. Um diese großräumigen und weniger tiefen „Dialekte von den „alten Dialekten zu unterscheiden, spricht man auch von arealen Varietäten, von Regionalsprachen oder Regiolekten. Zudem finden sich in der Gegenwart vielfältig neue Gebrauchsweisen und Erscheinungsformen von Dialektalität. Dies ist in dialektfernen Gesprächssituationen der Fall, in denen die Beteiligten punktuell aber doch stärker in den Dialekt...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 275 / 2019

Dialekte heute

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