Inga Harren

Alternative Formulierungen – ein Kernthema des Deutschunterrichts?

Schreiben stellt hohe Anforderungen an die schreibende Person. Häufig müssen viele Teilprozesse koordiniert und bewältigt werden. Ein Bestandteil des Formulierens und Überarbeitens ist dabei das Finden von Formulierungsalternativen und die gezielte Auswahl für den zu schreibenden Text. Die Förderung einer Alternativenkompetenz (Jantzen 2012) kann dabei maßgeblich zur Förderung von Schreibkompetenz beitragen.
Schreiben stellt hohe Anforderungen an die schreibende Person. Häufig müssen viele Teilprozesse koordiniert und bewältigt werden. Ein Bestandteil des Formulierens und Überarbeitens ist dabei das Finden von Formulierungsalternativen und die gezielte Auswahl für den zu schreibenden Text. Die Förderung einer Alternativenkompetenz (Jantzen 2012) kann dabei maßgeblich zur Förderung von Schreibkompetenz beitragen., Quelle: JackF

Inga Harren

Spielen mit Sprache, sich (nicht) an Normen halten, sprachlich handeln: Das Thema alternative Formulierungen ist ein faszinierendes. Unter seiner Perspektive lassen sich nahezu alle Bereiche des sprachlichen Handelns betrachten und je nach Zusammenhang im Gespräch oder im Text werden unterschiedliche lexikalische und grammatische Möglichkeiten und zum Teil auch unterschiedliche Bewertungskriterien für die Auswahl einer Formulierung relevant.
Schwierigkeit 1: Formulierungsprozesse sind nicht leicht zu greifen
Viele Formulierungsprozesse ereignen sich fast automatisch und nahezu mühelos andere benötigen so viel Aufmerksamkeit, dass ein Schreiber schier verzweifeln mag. Schüler begegnen alternativen Formulierungen häufig nicht bewusst und nicht kontrolliert, wenn sie z.B. während des Schreibens oder vor dem Aufschreiben eine erdachte und noch nicht notierte Formulierung en passant verwerfen und einen (anderen) Weg finden, etwas zu formulieren oder weiterzuformulieren. Im idealen Fall werden ohne große zeitliche Verzögerung Formulierungen gefunden und ggf. Alternativen verworfen und schließlich eine Variante notiert, die (vermeintlich) gut zum intendierten Inhalt, zum Schreibziel und zu den Lesebedürfnissen der vorgestellten Rezipienten passt. Klotz (2014: 387) zufolge bleibe der „eigentliche Formulierungsprozess „trotz vielfacher Schreibforschung [...] weiterhin ein partielles Geheimnis. Weinzierl und Wrobel (2017: 221) beschreiben das Schreiben als „ein[en] Prozess in der Zeit, dessen Strukturen in den linearen sprachlichen Formen der produzierten Texte nicht oder nur teilweise sichtbar werden. Im Idealfall steht also am Ende eines Schreibprozesses ein Schreibprodukt (häufig ein Text), dessen Formulierungen selten gezielt und bewusst ausgewählt wurden (vgl. Wrobel 2000: 464). Einblicke in den Schreibprozess erhalten wir anhand des Produktes manchmal im Falle von handschriftlichen Überarbeitungen ohne Tipp-Ex oder durch grammatische Fehler, die durch nicht vollständig vollzogene Umformulierungen entstanden sind. Im nicht so idealen Fall sehen wir weder Spuren des Überarbeitens noch einen fertigen Text, z.B. wenn die Aktivität des Schreibens abgebrochen wird, das Schreiben als unbefriedigend oder gar als Qual betrachtet und eine alternative Aktivität begonnen wird. Auch erwachsene und geübte Schreiber kennen dieses Phänomen der Prokrastination. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welch hohe Anforderungen das Schreiben an die schreibende Person stellt (Torrance/Galbraith 2006).
Überarbeitung von Prätexten und gemeinsame Revision als Reflexionshilfen
Die hohen kognitiven Anforderungen an das Formulieren betreffen sowohl das erstmalige Formulieren als auch das Überarbeiten einer bereits notierten oder ausgesprochenen oder lediglich erdachten Formulierung. Formulieren und Überarbeiten sind also nicht grundsätzlich als unterschiedliche Vorgänge zu betrachten es gibt Überschneidungen und Verbindungen. Dennoch: Ein Überarbeiten ist häufig gar nicht so einfach, wenn man die nicht ideale Variante in bereits aufgeschriebener Form direkt vor Augen hat, sich quasi an ihr festgebissen hat und sich schlecht von der einmal getroffenen Wortwahl lösen kann (Rau 1994). Wrobel schlussfolgert daher, dass vor allem Revisionen von so genannten Prätexten (also noch nicht notierten Formulierungsvarianten) ein besonders hohes Potential besitzen (Wrobel 2000: 464). Eine oder mehrere potentielle Formulierung aufzuschreiben kann demgegenüber aber auch eine Erleichterung darstellen, um auf dieser Basis weiterüberlegen zu können und nicht sämtliche Details gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis jonglieren zu müssen. Sicherlich hängt die Wahl des Verfahrens auch von den schreibenden bzw. denkenden Personen und den konkreten Text- und Formulierungsaufgaben ab. Die Überarbeitung an einer bestimmten Textstelle beginnt nicht selten mit dem vagen Gefühl, dass etwas an der aufgeschriebenen Formulierung...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 62 / 2020

Formulierungsalternativen

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-10