Astrid Müller

Als Halbstarke noch heimlich ein Stelldichein mit Backfischen hatten

James Dean (hier mit Elizabeth Taylor im Film Giganten) gilt als Stilikone für Halbstarke (Giant, USA 1956, Regie: George Stevens) Es ist der letzte Film mit dem Schauspieler James Dean, der am 30.9.1955 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte und somit die Premiere nicht mehr erlebte.
James Dean (hier mit Elizabeth Taylor im Film Giganten) gilt als Stilikone für Halbstarke (Giant, USA 1956, Regie: George Stevens) Es ist der letzte Film mit dem Schauspieler James Dean, der am 30.9.1955 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte und somit die Premiere nicht mehr erlebte. , © picture alliance

Astrid Müller

Verschwundene Wörter veränderte Wirklichkeit

Kulturelle, ökonomische oder politische Veränderungen führen zu Veränderungen im Wortschatz. Wenn bestimmte Dinge nicht mehr benötigt werden, verschwinden die Wörter, mit denen wir sie bezeichnen. Wie dieser gesellschaftlich bedingte lexikalische Wandel im Unterricht mit jüngeren Schülerinnen und Schülern thematisiert werden kann, schlägt dieses Unterrichtsmodell vor.

Wenn es der Hagestolz auf die Mitgift seines Mündels abgesehen hat, sitzen wir wahrscheinlich in einem Lichtspielhaus und schauen einen alten, wahrscheinlich in schwarz-weiß gedrehten und auf Zelluloid gebannten Film. Für viele Sprecher des Deutschen zumeist jüngere wird die in diesem Satz dargestellte Szene wie aus einer anderen Kultur und Sprache wirken, denn im Bereich des Lexikons ist der Sprachwandel besonders auffällig, weil er sich zumindest in einzelnen Bereichen verhältnismäßig schnell vollzieht. Manche Wörter können deshalb schon von einer Generation zur nächsten in Vergessenheit geraten. Das hat damit zu tun, dass die Lexik als das offenste sprachliche Teilsystem viel stärker als die Syntax oder die Morphologie durch gesellschaftliche Wandlungen beeinflusst wird.
Deshalb laden Form und Bedeutung von Wörtern in besonderem Maße dazu ein, die komplexen Zusammenhänge zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit im Unterricht exemplarisch zu erkunden. Was soziokulturell, ethisch, politisch, ökonomisch oder technisch bedeutsam für eine Gesellschaft ist, findet sprachlichen Ausdruck in Wörtern und Wendungen. Verändert sich die gesellschaftliche Wirklichkeit, geht dies einher mit Veränderungen im Wortschatz. Wörter verschwinden (kiesen) oder werden mit veränderter Bedeutung (toll, Weib) verwendet, neue Wörter entstehen durch Entlehnung (Fake news) oder Wortbildung (Biogemüse). Beispiele für solcherart lexikalischen Wandel können schon jüngere Schülerinnen und Schüler aus ihrer alltäglichen Kommunikation mit Eltern und Großeltern benennen. In solchen Fällen sind es häufig die Jüngeren, die den Älteren Wörter erklären müssen, denn die Jüngeren sind mit ihrer eigenen Kultur (kawai),ihren Interessen (bouldern) und ihren medialen und digitalen Erfahrungen (Emojis) diejenigen, die durch ihren Sprachgebrauch entscheidend zum lexikalischen Wandel beitragen.
Für eine Annäherung an die komplexen Zusammenhänge zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit soll in diesem Modell die Aufmerksamkeit auf vergessenen Wörtern liegen. Wörter verschwinden aus dem Sprachgebrauch, „wenn die Dinge, die sie bezeichnen, nicht mehr benötigt werden (Basisartikel S. 11). Dies zeigt sich z.B. am Verschwinden von Wörtern aus handwerklichen und landwirtschaftlichen Arbeitsbereichen. Sie verschwinden oder sie werden nur noch selten gebraucht. Der seltene Gebrauch kann dazu führen, dass sich Wörter zumindest formal verändern, wie man am „Schwächeln solcher starken Verben wie backen, flechten, melken beobachten kann (vgl. Nowak/Schröder 2017). Aber nicht nur im Bereich der Arbeitswelt verschwinden Wörter (Abakus, Rechenschieber, Diskette), erfolgt eine Bedeutungsveränderung (Rechner, Maus) und kommen neue Wörter hinzu (Windenergieanlage, Cloudcomputing).
In soziokulturellen Kontexten gibt es mindestens ähnlich auffällige Veränderungen. So zeigt sich eine veränderte Wahrnehmung von Heranwachsenden und von Geschlecht im Verschwinden von Wörtern: Backfische waren bis vor einigen Jahren heranwachsende Mädchen von ungefähr 13 bis 17 Jahren. Selbst Bücher für Mädchen wurden als Backfischromane bezeichnet. Prominentestes Beispiel dafür ist sicher Der Trotzkopf, erschienen 1885. Warum gerade die Bezeichnung Backfisch für Mädchen bzw. sehr junge Frauen gewählt wurde, ist nicht ganz sicher. Der Kluge (2012) liefert für das seit dem 16. Jahrhundert vorkommende Wort folgende Erklärung: „Zunächst für junge Studenten, dann für halbwüchsige Mädchen gebraucht. Junge Fische, die schon zu groß sind, um...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 267 / 2018

Sprache – Denken – Wirklichkeit

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 3-6