Irene Pieper

„Wie ein Tiger im Regen …“

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Irene Pieper|Dorothee Wieser

Textprozeduren im Kontext der Interpretation poetischer Metaphorik

Warum spricht jemand von sich als Tiger im Regen? Sarah Kirschs Gedicht Trauriger Tag bietet einen interessanten Gegenstand für den Literaturunterricht. Die Erschließung der Metaphorik bietet den zentralen Zugang. Zudem können Lernende Textprozeduren reflektieren und einüben.

Nicht selten stellt die gelungene Verknüpfung der Analyse von beispielsweise Metaphern, Reimstrukturen oder der erzählerischen Gestaltung mit der Interpretation dieser Phänomene im Kontext des Interpretationsaufsatzes eine Überforderung für Lernende dar. Dies zeigt sich etwa in der Entkopplung von Analyse und Interpretation (Stilmittel werden identifiziert, aber nicht in die Formulierung eines Verständnisses eingebunden) oder in formelhaften Funktionalisierungen („Die Metapher verstärkt die Aussage des Gedichts).
Bisher kaum berücksichtigt wurden in diesem Kontext Textprozeduren, die für Handlungsmuster des Interpretierens stehen. In ihnen können funktionale Bezüge von Interpretation und Analyse zum Ausdruck kommen. Die Aufmerksamkeit für solche Prozeduren kann zum Erwerb und zur Ausdifferenzierung der entsprechenden Interpretationsfähigkeiten beitragen. Dabei ist davon auszugehen, dass das Spektrum der Textprozeduren angesichts der Vielfalt literarischer Strukturen breit ist. Im Folgenden soll der Fokus auf der Interpretation von Metaphern in Gedichten und solchen Textprozeduren liegen, die geeignet sind, Metapherninterpretationen jenseits formelhafter Funktionalisierung zu versprachlichen.
Dass die Interpretation von Metaphern in lyrischen Texten so anregend wie herausfordernd ist, hängt nicht unwesentlich mit der Struktur von literarischen, d.h. tendenziell nicht konventionellen Metaphern zusammen. Solche Metaphern zu verstehen bedeutet vor allem, den wechselseitigen Projektionsprozess von bildspendendem und bildempfangendem Bereich auszuloten (Abb. 1). Bei der metaphorischen Wendung Ich bin ein Tiger im Regen aus dem Gedicht von Sarah Kirsch, das im Zentrum dieses Unterrichtsmodells steht (Material 1),muss die Interaktion von „Ich (bildempfangender Bereich) und „Tiger im Regen (bildspendender Bereich) erschlossen werden. Von einer Interaktion ist deshalb zu sprechen, da keineswegs alle (denkbaren) Merkmale des „Tigers im Regen sinnvoll auf das Ich projiziert werden können. Vielmehr rahmt zum einen das Zusammenspiel der beiden Bereiche, zum anderen der Zusammenhang im Text (Kotext), welche Projektionen zu möglichen Deutungen der metaphorischen Wendung führen. So werden die Merkmale „große Zähne oder „Streifen nicht aktiviert, während die Merkmale „Kraft, „Aggression, „am falschen Ort sein (aufgrund des Regens) zur Bedeutungsgenerierung beitragen können. Dass diese Merkmale aktiviert werden, hängt damit zusammen, dass man das durch Berlin ziehende Ich als menschlich bestimmen kann. Und doch ist seine Erscheinung durchgängig davon bestimmt, dass sich die Vorstellungen von Tiger und Mensch ineinanderschieben. Das Metaphernfeld rund um das starke Tier (Fell, Pfoten, fressen, brüllen, fauchen, gewaltig) wird gekoppelt mit Ausdrücken, die gut zum Menschen passen, etwa schlurfen und gehen, Augen, Wimpern, in schöner Doppeldeutigkeit die Verben schleudern und heulen. In der Interaktion der Bereiche entsteht so eine neue Anschauung, die über einen Merkmalstransfer hinausgeht.
Entsprechende Verstehensprozesse sind kognitiv anspruchsvoll ihre Versprachlichung ist eine nicht unbeträchtliche Herausforderung. Insofern ist die Frage, welche Textprozeduren metaphorische Deutungsprozesse zum Ausdruck bringen können, literaturdidaktisch bedeutsam. In einer Studie zu Verstehensprozessen im Umgang mit poetischer Metaphorik konnten wir eine Reihe von Textprozeduren des Interpretierens herausarbeiten, über die Lernende der Klassenstufe 6 und 9 bereits verfügen. Die Prozeduren werden dabei in der Regel nicht formelhaft gebraucht,...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 281 / 2020

Textprozeduren: Lesen und Schreiben

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 11-13