Andreas Wicke

Wer ist schuld am bösen Wolf?

Der Wolf: Symbol des Bösen oder Freund des Menschen?
Der Wolf: Symbol des Bösen oder Freund des Menschen?, © Laszlo/stock.adobe.com

Andreas Wicke

Grimms Märchen im materialgestützten Literaturunterricht

In Rotkäppchen sowie Der Wolf und die sieben jungen Geißlein präsentieren die Brüder Grimm ein Bild des bösen Wolfs, das bis in die aktuelle politische Diskussion über Wolfsjagden hineinwirkt. Daneben gibt es in der Kinder- und Jugendliteratur aber auch Darstellungen, die ein ganz anderes Verhältnis von Menschen und Tieren zeigen. Im vorliegenden Modell untersucht die Lerngruppe die gesellschaftliche Relevanz von Tieren in der Literatur.

In die aktuelle Debatte über Wölfe in Deutschland, die sich bis in die Koalitionsverhandlungen 2018 zog, mischen sich immer wieder Verweise auf literarische Wolfsdarstellungen (vgl. etwa Heberlein 2018). Vor allem die Märchen der Brüder Grimm scheinen dem Image des Wolfs massiv geschadet zu haben.
Der Wolf im Märchen
In den Kinder- und Hausmärchen ist der Wolf allerdings kein Tier im biologischen Sinne, sondern vielmehr Symbol des Bösen: „[S]eid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er herein kommt, so frisst er euch alle mit Haut und Haar, warnt die Mutter in Der Wolf und die sieben jungen Geißlein (1812/57), bevor sie das Haus verlässt, der Wolf wird im Text explizit als „Bösewicht und „Ungetüm bezeichnet (Grimm 2009, 50f.). Auch in Rotkäppchen (1812/57) zeigt die anthropomorphe Darstellung eines sprechenden Wolfs, dass hier menschliche Eigenschaften auf ein Tier projiziert werden, das traditionell als Symbol des Bösen gilt. Dass Rotkäppchen dem Wolf zunächst ohne Angst gegenübertritt, liegt lediglich an seiner Unwissenheit, das Mädchen „wusste nicht, heißt es im Märchen, „was das für ein böses Tier war (Grimm 2009, S.150). Dieses Wissen wird jedoch als unumstößliche Tatsache angesehen, die sich am Schluss auch bewahrheitet. Der böse Wolf wird in den Märchen pädagogisch instrumentalisiert, um Kinder ganz grundsätzlich vor Gefahren zu warnen und zur Vorsicht zu erziehen.
Wölfe in der Literatur
Insgesamt ist das Verhältnis zwischen Menschen und Wölfen in der Literatur aber durchaus vielfältig, wenn man an Rudyard Kiplings Dschungelbuch (1894/95) oder Jack Londons Wolfsblut (1906), an den Wolf in der Bibel oder in Fabeln, an Hermann Hesses Steppenwolf (1927) oder die Geschichten von Werwölfen denkt (vgl. Geisenhanslüke 2018). Ein Bild des Wolfs, das sich deutlich von jenem in den Märchen der Brüder Grimm unterscheidet, findet sich auch in Julie von den Wölfen (1972) von Jean Craighead George. Hier beobachtet das Inuit-Mädchen Miyax das Verhalten der Tiere, um von ihnen akzeptiert zu werden und zu ihnen zu gehören. Die 13-Jährige ist vor einer Kinderehe in die Arktis geflohen. Sie lebt dort mit den Wölfen zusammen, die sie nicht als Bedrohung sieht, sondern um deren Freundschaft sie wirbt, indem sie versucht, das tierliche Verhalten zu adaptieren. Der Figur Miyax, die ihren amerikanischen Namen Julie abgelegt hat, merkt man das naturwissenschaftliche Interesse der Autorin an, die vorab in einem Projekt das Verhalten der arktischen Wölfe studiert hat.
In Ruf der Wölfe (2019) schließlich stehen politische bzw. tierrechtsaktivistische Standpunkte sowie Fragen der Tierethik und des Artenschutzes im Zentrum. Als der Ich-Erzähler Jan dem Wolf nachts allein begegnet, hat er zwar panische Angst, doch auch der Wolf flieht auf Jans Schrei hin. Im weiteren Verlauf überwiegt der rationale Umgang mit den Ereignissen. Unterschiedliche Argumentationen werden abgewogen, Jan und Clara schlagen sich dabei auf die Seite der Tierschützer und retten den Wolf am Schluss vor seinen menschlichen Feinden. Auch hier spiegelt der Text die politische Haltung der Verfasser (vgl. Kummetz 2013). Den Roman hat der aktuelle Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, der neben seiner politischen Arbeit auch Schriftsteller ist, gemeinsam mit seiner Frau, der Autorin und Übersetzerin Andrea Paluch, verfasst.
Gute Wölfe, böse Wölfe
Die Materialien differenzieren das Bild des vermeintlich bösen Wolfs, indem sie das...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 273 / 2019

Materialgestützter Literaturunterricht

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8