Gerd Katthage

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’

Hermann Claudius(19.10.1878–8.9.1980)hat mit seinen 102 Lebensjahren entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts und als Schriftsteller höchst unterschiedliche Reaktionen auf sein Schreiben erlebt.
Hermann Claudius(19.10.1878–8.9.1980)hat mit seinen 102 Lebensjahren entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts und als Schriftsteller höchst unterschiedliche Reaktionen auf sein Schreiben erlebt., © dpa - Bildarchiv

Gerd Katthage

Materialien zu einem Lied und seiner Wirkungsgeschichte

Dieses Modell stellt Materialien zur Verfügung, mit denen ein Gedicht und seine Kontexte projektorientiert erschlossen werden. Die Schülerinnen und Schüler erfahren exemplarisch den Zusammenhang von Literatur und Politik.

Hermann Claudius ist ein nahezu vergessener Schriftsteller. Das hat literarische und vor allem politische Gründe. Literarisch gehört sein Werk sicherlich nicht zur deutschen Hochwertliteratur. Durch den großen Anteil seiner Texte in niederdeutscher Sprache ist er vielen nur als norddeutscher Heimatdichter bekannt. Dabei ist der Autor allein schon biografisch interessant, da er mit seinen 102 Lebensjahren entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts erlebt hat und als Schriftsteller höchst unterschiedliche, zeitgeistbedingte Reaktionen auf sein Schreiben erleben musste.
Vor allem hat sein Verhalten in der Nazi-Zeit zu einem hartnäckig kolportierten Verdikt geführt. Dass Claudius ein NS-Dichter gewesen sei, wird häufig mit einem einzigen kurzen Gedicht begründet. Eine Auftragsarbeit zu Hitlers fünfzigstem Geburtstag beginnt mit der Zeile „Herrgott, steh dem Führer bei! Nahezu jede Erwähnung von Hermann Claudius kreist um dieses, zumeist missverstandene, Zitat. Dennoch begründet es bis heute sein Nazi-Image (vgl. Katthage 2018).
Das ist umso bemerkenswerter, als sein berühmtester Text einer ganz anderen Tradition entstammt. Wann wir schreiten Seit an Seit schreibt Claudius 1913 im Kontext der Jugend- und Wanderbewegung sowie vor dem Hintergrund seiner proletarischen Herkunft. Aber schon die Erstveröffentlichung in der Jugendbeilage der SPD-Zeitung Hamburger Echo im Juni 1914 sorgt für eine politische Deutung. Von Michael Engert vertont und seit 1916 in der Hamburger sozialistischen Jugend gesungen, wird es mit dem ersten Reichsjugendtag im Weimar 1920 zum deutschlandweiten Pop-Song der Linken. Claudius selbst reagiert irritiert auf die enorme Wirkung seines Gedichts. Einerseits nimmt er stolz seine Berühmtheit zur Kenntnis, andererseits relativiert er dessen politische Dimension und betont einen rein privaten Ursprung. Das Gedicht sei auf einer Heidewanderung mit einer internationalen Jugendgruppe entstanden und verarbeite seine Begegnung mit einer jungen Österreicherin. So bildete auch die fünfte Strophe, „Mann und Weib …” die ursprüngliche Anfangsstrophe.
Die erstaunliche Wirkungsgeschichte des Liedes beruht auf der Vagheit und Unbestimmtheit seiner zentralen Verse, wie Brecht es präzise herausstellt (vgl. Material 5). „Wir und die „neue Zeit bieten Projektionsflächen für höchst unterschiedliche Rezipienten. Es dient als Kampflied der sozialistischen Arbeiterjugend. Für Katholiken ist Christus „Herr der neuen Zeit. Für Nazis, die das Lied wie viele andere Lieder der Jugendbewegung okkupierten, „zieht das Dritte Reich.
Nach dem Krieg erhält es in der DDR seinen Charakter als sozialistisches Kampflied zurück, wird sogar als Pausenzeichen im Radio benutzt, findet seinen Platz aber ebenso im Liederbuch der Bundeswehr. Seit den 60er-Jahren, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1999 und 2003, beschließen singende Genossen jeden SPD-Parteitag mit dem Text von Hermann Claudius.
Die ideologische Instrumentalisierung erkennt man am Schicksal der fünften Strophe recht deutlich: Sie fehlt in Liederbüchern der christlichen Gruppen, der Nazis und der Bundeswehr. Offenbar widersprach ihr emanzipatorischer Impuls der jeweiligen Haltung in der Geschlechterfrage.
Intentionen
Für den Literaturunterricht kann der Text exemplarischen Wert erhalten. Die kontroversen Deutungen im Laufe seiner Geschichte zeigen die Relevanz eines rezeptionsästhetischen Zugangs zur Literatur. Das Gedicht verdeutlicht zudem eindrucksvoll die Verknüpfung von Literatur und Politik. Schüler erfahren mit Claudius Text, dass eine Auseinandersetzung mit Literatur über den literarischen Diskurs hinausführen und weitgehende öffentliche sowie...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 273 / 2019

Materialgestützter Literaturunterricht

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13