Ulf Abraham

Szenisches Schreiben

Ulf Abraham

Szenisches Schreiben hat in Schule und Deutschunterricht bislang nur wenig Tradition und steht weit hinter narrativen und lyrischen Schreibaufgaben zurück. Dabei bietet es nicht nur spannende Möglichkeiten der Kompetenzförderung im Wechsel zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern eine Reihe interessanter medialer Schnittstellen.

Der abgedruckte Schülertext Fußballdesaster , Ergebnis einer Zusammenarbeit von Lernenden aus der 8. Klasse eines Gymnasiums in Esslingen bei Stuttgart, weist zwar kaum Regieanweisungen auf, ist aber ansonsten ein szenischer Text mit allem, was man braucht: Ein Fußballplatz irgendwo in Deutschland, zwei drittklassige Vereine tragen ein Spiel aus. Ein Talentjäger (Scout) erscheint, während gleichzeitig einer der Spieler, ein Stürmer, vom Platz getragen werden muss. Seinetwegen könnte der Scout gekommen sein, aber der Spieler ist unter dem Einfluss verbotener Medikamente zusammengebrochen.
Es gibt also Figuren mit unterschiedlichen Interessen und Zielen, eine authentische Sprache, einen Konflikt, einen Wendepunkt und vor allem ein Thema, das viele Jugendliche beschäftigt (Doping im Fußballsport). Die Lehrerin hatte szenisches Schreiben, also die Arbeit an Texten als Spielvorlagen, verknüpft mit der Lektüre von Auszügen aus Jugendtheaterstücken und auf diese Weise mit einer Forderung des Lehrplans.1
Ihr Erfahrungsbericht über den etwa 30 Stunden umfassenden Unterrichtsversuch, ihren ersten Einsatz von Verfahren szenischen Schreibens nach Richhardt (2011), klingt ermutigend:
„Das Zuhören der Schüler, der Austausch über Ideen, war intensiver als sonst. Die Bereitschaft, Texte zu überarbeiten, auch Produkte der Mitschüler zu verbessern, war enorm, die Konzentrationsfähigkeit überraschend gut. Das Interesse am Schreiben war wegen des persönlichen Ausgangspunkts, der gewählt wurde, viel größer als sonst. Es wurde ausdauernd gearbeitet. Lange Texte entstanden. Die Schüler forderten immer wieder mehr Zeit ein für das Schreiben. Die Schüler der Klasse 8c entwickelten sich regelrecht zu Experten für Konflikte, Wendepunkte, Thesen und Antithesen. Viele der Schüler haben damit enorm ihre kognitiven und analytischen Fähigkeiten geschult. Die Jungen konnten sich stärker und produktiver in den Unterricht einbringen als gewohnt. (Hubertine Schalhorn in Krottenthaler Hrsg. 2013, S. 125)
Welche Formen szenischen Schreibens gibt es?
„Szenisch ist erstens zunächst das Theater, in all seinen heute praktizierten Formen, als eine per se szenische kulturelle Praxis. Entsprechend schreibt szenisch, wer fürs Theater schreibt; Stücke für die Bühne sind heute nicht mehr unbedingt in Akte, wohl aber in Szenen eingeteilt. Das Kerngeschäft szenischen Schreibens ist damit der Dialog, dessen Haupttext einerseits einen Nebentext hat (Anweisungen für Schauspieler, Bühnenbauer, Beleuchter usw.), andererseits einen Subtext das Ungesagte, das bei der Umsetzung in die Spielhandlung durch Sprechpausen, Körpersprache, Gestik, Mimik, Nutzung des Raums usw. ausgedrückt werden muss. Obwohl das Thema des vorliegenden Heftes damit Berührungspunkte zum darstellenden Spiel hat, geht es hier doch um etwas anderes die schreibende Erarbeitung von Szenen.
Anleitungen zum Dialogschreiben, die es in bemerkenswerter Anzahl gibt (vgl. z. B. Schütte 2010), fokussieren aber meist gar nicht das Theater, sondern (zweitens) den Film. Auch ein Drehbuch ist in Szenen eingeteilt; zu entscheiden, wie die im Treatment2 erst angedeuteten Szenen im Rahmen der Filmhandlung ausgeführt werden sollen, ist der wesentliche Schritt zum Script (vgl. Eick 2013 oder Schütte 2010, bes. S. 55). Wie im Theaterstück gibt es auch hier Anweisungen für die Umsetzung (Nacht. Vor dem Haus. Straßenlaternen werfen lange Schatten, usw.), die den Spiel-Raum für den folgenden Dialog, sei er noch so knapp, erst herstellen. Nach dem Script kommt auf dem Weg in die Produktion gewöhnlich das Storyboard, in dem wichtige...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 260 / 2016

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Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13