Gunnar Fricke und Ines Heiser

Im ganzen Satz, bitte!

Gunnar Fricke und Ines Heiser

Schriftliche Antworten ausführlich formulieren

Ein weit verbreitetes Problem im Deutschunterricht: Schülerinnen und Schüler beschränken sich in ihren schriftlichen Ausführungen auf so wenige Worte wie möglich. Wie können Lehrerinnen und Lehrer Jugendlichen die Relevanz von Ausformulierungen verdeutlichen und ihnen Hilfen an die Hand geben?

Das Problem dürften wohl fast alle Lehrkräfte kennen: Vielen Schülern fällt es schwer, schriftliche Arbeitsaufträge, bei denen ein kurzer freier Text formuliert werden soll, genau zu beantworten. Sie beschränken sich dann auf Ein-Wort-Formulierungen oder Stichpunkte. Im günstigen Fall sind die Antworten inhaltlich richtig und nur von der Form her äußerst knapp (z.B.: Wer hat die Ballade John Maynard geschrieben? Fontane). In anderen Situationen fällt die Antwort durch die Kürze nichtssagend oder missverständlich aus (z.B. Wie gefällt dir die Ballade? Gut; oder Warum werden die Passagiere gerettet? John Maynard).
Die Schüler sollten hier unbedingt darin unterstützt werden, ihre Ausdrucksfähigkeiten zu verbessern: Zum einen ist es ein übergeordnetes Ziel des Deutschunterrichts, sprachliche Fähigkeiten der Schüler auszubauen und zu fördern und sie zur Reflexion über Sprache anzuleiten. Zum anderen führen Mängel im sprachlichen Ausdruck dazu, dass Schüler in anderen Arbeitsfeldern des Fachs, wie etwa im Literaturunterricht, oder auch in anderen Fächern Nachteile hinnehmen müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, gewonnene Erkenntnisse angemessen und präzise darzustellen. Für sprachliche Verknappungen gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Eine gute Diagnose ist dabei wichtig, damit Sie als Lehrkraft passende Unterstützungsmaßnahmen auswählen können:
A) Übersteigerte Knappheit als situationsabhängige Bewältigungsstrategie
Ganz pragmatisch kann, etwa in Prüfungssituationen, Zeitmangel die Ursache für ein sprachlich verkürztes Antwortverhalten sein. Ein Schüler verfolgt dann häufig sogar bewusst die Strategie, für möglichst viele Teilaufgaben wenigstens einen Teil der Lösungspunkte zu erhalten, anstatt nur einen Teil der Aufgaben ausführlich zu bearbeiten. Ein entsprechendes Antwortverhalten tritt auch dann auf, wenn Schüler Aufgaben ohne innere Beteiligung möglichst schnell bzw. unaufwendig erledigen wollen, ohne die Bearbeitung offen zu verweigern: Werden Einwortsätze eingetragen, kann die Aufgabe wenigstens formal als bearbeitet betrachtet werden, ohne dass dafür ein besonders großer Arbeitsaufwand investiert werden muss.
Diese situationsbedingte Knappheit findet sich auch bei Schülern, die sich ansonsten flüssig und korrekt ausdrücken. Schüler, die diese Strategien bewusst einsetzen, verfügen über ein hohes Maß an Lernkompetenz, speziell an Problemlösekompetenz: Sie entwickeln eine nicht vorgesehene Abkürzung, um ihr selbstgesetztes Ziel zu erreichen. Problematisch an dieser Konstellation ist, dass die Schüler die gegebene Übungsmöglichkeit nicht nutzen; zusätzlich kann sich die Skizzenhaftigkeit zur Routine verfestigen. Da es in diesen Fällen um Schüler geht, die eigentlich in der Lage sind, vollständigere Antworten zu formulieren, liegt es an der Lehrkraft, diesem Verhalten über die bewusste Gestaltung der Aufgaben entgegen zu wirken:
  • Wählen Sie möglichst motivierende Aufgabenstellungen, bei denen für die Schüler nachvollziehbar ist, warum diese schriftlich ausgearbeitet werden sollen.
  • Stellen Sie sicher, dass die Aufgaben von den meisten Schülern im vorgegebenen Zeitrahmen sinnvoll und sprachlich ausführlich bearbeitet werden können.
  • Legen Sie für die Schüler transparent fest, dass auch die sprachliche Form der Antwort nicht nur die sachbezogene Richtigkeit der Aussage wichtig ist. Dazu können Sie eindeutige Regeln setzen (z.B. Alle Aufgaben müssen immer in ganzen Sätzen beantwortet werden. Zu einem vollständigen Satz gehört mindestens ); es ist auch möglich, bei bewerteten Ausarbeitungen einen...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 58 / 2019

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