Und jährlich scheitert der gute Vorsatz

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Der Jahreszyklus drückt sich nicht nur im Wechsel der Jahreszeiten und im Wandel der Tageslänge aus. Es gibt eine Vielzahl an journalistischen Themen, die – unabhängig von aktuellen Trends und Ereignissen – ebenfalls im Jahresrhythmus wiederkehren: So finden sich alljährlich im Januar Tipps zu Diäten sowie Sport- und Fitnessprogrammen in vielen Zeitungen und Zeitschriften. Sie sind auch ein Ausdruck der guten Vorsätze, die viele von uns wohl auch für das Jahr 2019 formuliert haben.
Diese guten Vorsätze nimmt Ronja von Rönne in ihrer Kolumne Vorsätze: Wenn schon Neuanfang, dann richtig (2018) pointiert in den Blick. Den Kern bildet hierbei der Gedanke des Scheiterns, des Nicht-Einhaltens von Vorsätzen, welches letztlich den menschlichen Wert der Vorsätze ausmache.
Die Schülerinnen und Schüler können in diesem Text typische Gestaltungsmittel einer Kolumne entdecken:
So beginnt die Autorin mit einer metaphernreichen Beschreibung des neuen Jahres (schmuddelig, ausgefranst und falsch) und zählt umgangssprachlich kommentierend (adios, Fleischlosigkeit) Beispiele für typische Vorsätze auf: nicht mehr rauchen, gesünder essen, weniger social media. An diesen sei sie schon am zweiten Tag des neuen Jahres gescheitert. Es folgt eine ganze Reihe Selbstvorwürfe, wobei z.B. die übertreibende Adjektivreihung (schwaches, nichtsnutziges, rückratloses, verkommenes Würmchen) den ironischen Grundton des Textes unterstreicht. Gleiches gilt für die Selbstherabsetzung, für die das umgangssprachliche Nulpe angeblich nicht ausreiche. Die abschließende Selbstbeschreibung als übergewichtiges, ungesundes, unsoziales Nüscht greift dabei die anfangs formulierten, prototypischen Vorsätze wieder auf.
Die für Kolumnen typische Kopplung eines wahren Gedankens mit einer übertreibend-humoristischen Darstellung tritt im Folgenden hervor, wenn überlegt wird, dass nicht nur einmal im Jahr Verhaltensweisen änderbar seien – dies aber daran illustriert wird, dass man jederzeit aufhören könne, seinen Kindern das Taschengeld zu klauen.
Das Problem sei, dass die Vorsätze sich immer an der Realität messen müssten. Natürlich produziere man so nur Dokumente des Scheiterns, Zeugnisse des Scheiterns oder gar ein Museum des Scheiterns. Man müsse mit seinen Vorsätzen also flexibel sein. Selbstoptimierung mache noch lange keinen besseren Menschen, schließlich wäre es ja ganz grauenhaft, wenn wir [] nichtrauchende, vegane, sportliche Zellhaufen wären. Zugespitzt wird dies im abschließenden Ausblick auf mögliche Wünsche der Zukunft: Zähneputzen während des Joggens?
Dies leitet zur Pointe der Kolumne: Gerade das Scheitern an Vorsätzen und die Tatsache, dass wir trotzdem immer wieder solche formulieren (Und wieder. Und wieder.), macht uns menschlich und sympathisch. Der Appell für dieses Jahr lautet also: Immer wieder probieren!
Aufbauend auf der inhaltlichen und sprachlichen Analyse der Kolumne könnte thematisiert werden, dass diese Kolumne aus dem Jahr 2018 fast genauso im Jahr 2019 abgedruckt werden könnte. Genauso wie viele der Optimierungstipps in Zeitschriften und Magazinen sich jährlich wiederholen.
Darauf aufbauend könnten eigene Vorsätze für das Jahr 2019 gesammelt werden. Wurden sie bisher eingehalten oder kam auch hier das Scheitern nach nur zwei Tagen? Eine solche Sammlung kann dann die Grundlage für selbst formulierte Kolumnen bilden. Die zuvor herausgearbeiteten Gestaltungsmittel bieten dabei eine Orientierung. So bleibt das Schreiben von journalistischen Textformen im Unterricht auch nicht nur ein guter Vorsatz. Auf ein frohes Neues.
Rasmus Frederich
Vorsätze: Wenn schon Neuanfang, dann richtig!


Vorsätze: Wenn schon Neuanfang, dann richtig!
Eine Kolumne von Ronja von Rönne []
Jetzt ist das neue Jahr schon zwei Tage alt, was für ein Jahr recht viel ist. Genau jetzt ist, wohlwollend geschätzt, ein Drittel aller Vorsätze nicht eingehalten, gebrochen, verwässert oder mit wirklich würdelos-fadenscheinigen Ausreden...

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aus: Praxis Deutsch Nr. 273 / 2019

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