Ulf Abraham

Entwürfe durch Kritik verbessern

© Katja SämannAbb. 1: Ausgangspunkt für das Spielbuch, das die Schülerinnen und Schüler in diesem Modell schreiben, ist eine kurze Textpassage des Autors Saša Stanišić in seinem Buch Herkunft. Das Unterrichtskonzept setzt aber keinesfalls die Kenntnis des Romans voraus. „Herkunft ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre.“
© Katja SämannAbb. 1: Ausgangspunkt für das Spielbuch, das die Schülerinnen und Schüler in diesem Modell schreiben, ist eine kurze Textpassage des Autors Saša Stanišić in seinem Buch Herkunft. Das Unterrichtskonzept setzt aber keinesfalls die Kenntnis des Romans voraus. „Herkunft ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre.“, Auszug aus: Saša Stanišić, Herkunft, Verlag Luchterhand, München 2019, S. 293

Ulf Abraham|Daniela Matz

Literarisches Schreiben und Überarbeiten als gemeinsame Aufgabe

Ein kurzer Auszug aus Saša Stanišićs Roman Herkunft (Deutscher Buchpreis 2019) dient als Ausgangspunkt für die Unterrichtseinheit Spielbuch, in der Lernende selbst Erzähltexte schreiben, über diese sprechen und auf der Grundlage konstruktiver Rückmeldung einerÜberarbeitung unterziehen.

Das Überarbeiten von Entwürfen die sogenannte „Text-revision wird von einer prozessorientierten Schreibdidaktik seit Längerem betont; es gibt dazu praxisorientierte methodische Anleitungen (z.B. Philipp 2014, S.133142). Allerdings beziehen sich diese meist entweder auf die Primarstufe oder auf pragmatische Textsorten, an denen sich Kriterien für Textqualität, wie sie für einen erfolgreichen Überarbeitungsprozess notwendig sind, vergleichsweise leicht klären lassen. Literarisches Schreiben hingegen wurde lange als hierfür ungeeignet betrachtet, weil die Tradition des „kreativen Schreibens eine konsequente Prozessorientierung nicht kannte und (von Ausnahmen wie PRAXIS DEUTSCH 193/2005 Poetisches Schreiben bewerten abgesehen) gegenüber der Bewertbarkeit ästhetischer Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache skeptisch war. Ein 2010 entwickeltes, inzwischen an drei Literaturhäusern (Stuttgart, Göttingen, Rostock) angebotenes Langzeitkonzept der Weiterbildung von Deutschlehrkräften im literarischen Schreiben (vgl. Abraham/Brendel-Perpina 2015) könnte daran etwas ändern; unter der Bezeichnung Befähigung zur Anschlusskommunikation an literarische Textentwürfe (vgl. ebd., S. 6673) wurden in diesem Rahmen Prinzipien und Verfahren des Werkstattgesprächs entwickelt und an fünf verschiedenen Gattungen erprobt.1 Im Zentrum stehen (zunächst bei den Teilnehmenden, im Transfer auf Projektklassen dann aber auch bei deren Lernenden) die langfristige Stärkung der Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, Kritik offen zu äußern und als konstruktive Hilfe zur Weiterarbeit zu nutzen. Dazu gehört neben einem wirkungsorientierten Blick auf Gestalt und Potenzial eines Textentwurfs auch eine Kriterienorientierung, die einzelne literarische Gattungen ausdifferenziert (vgl. ebd., S. 6163 und weiterführend Abraham/Brendel-Perpina 2016). Das hier dargestellte Unterrichtsmodell realisiert dieses Konzept exemplarisch für den Umgang mit narrativen Entwürfen in der 8. Jahrgangsstufe; eine Übertragung des Modells in den Unterricht der Oberstufe ist möglich.
Intentionen
Die Unterrichtseinheit mit dem Titel Spielbuch fordert die Bereitschaft ein, über Texte zu sprechen und eigene Texte auf der Grundlage konstruktiver Rückmeldung einer Überarbeitung zu unterziehen. Ziel ist es, die Urteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf literarische Texte zu stärken, indem sie selbst Erzähltexte schreiben und über das Gelingen ihres Schreibens nachdenken. Aufgegriffen und zugleich gefördert werden soll damit auch die Freude junger Menschen am Erzählen sowie an der Erprobung literarischer Mittel in narrativen Texten.
Ausgangspunkt des hier vorzustellenden Schreibprojekts ist ein kurzer Auszug aus dem Roman Herkunft von Saša Stanišić (vgl. Abb.1 ). Der letzte Teil des Romans ist an die Spielbücher der 80er-Jahre angelehnt, bei denen der Leser aufgefordert wird, den Erzähltext entsprechend seinen Lektürepräferenzen mitzugestalten. Dieses Konzept bildet die zentrale Idee der Unterrichtseinheit.
Für die Förderung von Urteilskompetenz ergeben sich folgende Chancen. Die Schülerinnen und Schüler:
  • setzen sich mit der Form des Du-Erzählers auseinander und erfassen das Potenzial, das in dieser Erzählform für die Darstellung von Innensichten steckt;
  • erproben narrative Gestaltungsmöglichkeiten und erkennen die Relevanz einer schlüssigen Ausgestaltung der erzählten Welt, die auf inneren Bezügen zwischen narrativen Elementen beruht (z.B. innere und äußere Handlung, Figuren, Orte, Zeit, wörtliche Rede und Erzählbericht);
  • ahmen Erzählstrategien nach, die...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

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Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8