Marco Magirius

Der Fassadenstreit

Die Deutungsoffenheit des Gedichts bereitete den Boden für die öffentliche Debatte. Während das Gedicht von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entfernt wird, kann man es nun am Pariser Platz in Berlin und im oberfränkischen Rehau (Bild), der Heimatstadt des Dichters, sehen.
Die Deutungsoffenheit des Gedichts bereitete den Boden für die öffentliche Debatte. Während das Gedicht von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entfernt wird, kann man es nun am Pariser Platz in Berlin und im oberfränkischen Rehau (Bild), der Heimatstadt des Dichters, sehen., © dpa

Marco Magirius

Literaturbezogenes Argumentieren mit Material aus Social Media

Um das avenidas-Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gab es eine lebhafte öffentliche Debatte. Nach dem offenen Brief der Studierendenvertretung, der das Gedicht als sexistisch einschätzte, wurde schließlich dessen Entfernung beschlossen. Die Schülerinnen und Schüler erfahren verschiedene Lesarten des Gedichts und setzen sich mit dessen Deutungsoffenheit auseinander. In einem appellativen Blogeintrag formulieren sie ihre eigene Einschätzung.

Diskurse in digitalen Medien leisten einen zunehmenden Beitrag zur Meinungsbildung in unserer offenen Gesellschaft. Eine sachliche Auseinandersetzung mit fremden Beiträgen und das Entwickeln einer eigenen Position erfordert Diskurskompetenz, die mit diesem Unterrichtsmodell gestärkt wird. Dazu identifizieren und bewerten die Schülerinnen und Schüler Behauptungen und positionieren sich in einem eigenen Blogeintrag. Für diese abschließende Schreibaufgabe ist Vorerfahrung mit Textprozeduren der Erörterung hilfreich (vgl. Feilke/Tophinke 2017, S.10f.). Das Unterrichtsmodell kann in eine Unterrichtsreihe zu „Konkreter Poesie oder zu Nachkriegsliteratur integriert werden.
Im Mittelpunkt dieses Unterrichtsmodells steht ein ursprünglich mit dem Titel ciudad (siehe nächste Seite) versehenes Gedicht von Eugen Gomringer. Es erschien später ohne Titel in Gomringers vom vers zur konstellation, einem Manifest der Konkreten Poesie, und fand dort zur Exemplifizierung der Gedichtform Konstellation Verwendung. Konstellationen bestehen nicht aus Versen. Stattdessen sind einzelne Wörter flächig auf dem Papier angeordnet. Diese äußerste Reduktion sollte Ausdruck des von Gomringer damals diagnostizierten Zeitgefühls der Verknappung und der schneller werdenden Kommunikation sein. Im Falle von ciudad handelt es sich lediglich um die Wörter avenidas (Straßen/Alleen), flores (Blumen), mujeres (Frauen), un admirador (ein Bewunderer) sowie y (und). Statt durch syntaktische Einbettung in Sätze stehen diese Wörter nur durch ihre Position in Beziehung zueinander. Sie treten also aus Kommunikationszusammenhängen herausgelöst vor ihre Leserinnen und Leser. Laut Gomringer (1972, S.158) ist eine Konstellation „eine Realität an sich und kein Gedicht über etwas. Statt des Inhalts steht die Form des Gedichts im Mittelpunkt. Die Wörter bilden also keinen individualistischen Ausdruck einer Innen- oder Außenwelt, sondern einen „Denkgegenstand – ein Denkspiel (ebd.). Sie stehen nur für sich – man sagt, sie werden konkret. So wie in nicht-abbildender Kunst Farben und Formen, wird hier das Wortmaterial zum Reflexionsgegenstand. Dennoch sind die Wörter nicht der Möglichkeit von Wirklichkeitsreferenz beraubt worden. Das Herausarbeiten der Materialität von Sprache bei gleichzeitiger Minimierung von Außenreferenzen lädt geradezu zur Rekontextualisierung ein. So erklärt sich, dass ganz verschiedene Straßenbilder evoziert werden können. Von der herzlichen Weltoffenheit des prachtvollen Barcelona bis zur Assoziation mit „Armut und Prostitution in Südamerika ist je nach Rezeptionskontext vieles möglich (vgl. Abraham 2018).
Die Debatte um die Entfernung des Gedichts bietet insbesondere Gelegenheiten zum inhaltlichen, literarischen Lernen. Ihre starke Polarisierung resultierte auch aus unterschiedlichen Zugriffsweisen auf den literarischen Text, je nachdem ob das Empfinden einzelner Rezipienten, das Textmaterial oder Aussagen des Autors für die jeweilige Bewertung und Deutung maßgeblich sind. So erleben die Schülerinnen und Schüler anhand eines aktuellen Debattenbeispiels die Deutungsoffenheit eines literarischen Gegenstands. Dieser wird erhellt, indem die pointierten Beiträge (Material 13) einerseits eine eigene Positionierung herausfordern, und andererseits einen Zugang zum Text schaffen. Für Letzteres stellen sie Deutungskontexte bereit und liefern am Text zu prüfende Hypothesen.
Avenidas/Ciudad
Avenidas/Ci...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 273 / 2019

Materialgestützter Literaturunterricht

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13