Jens F. Heiderich

„Willkommen zur neuenReality-Dokusoap“

Jens F. Heiderich

Das Himbeerreich – Theatertrailer und -text im Zusammenspiel betrachten

Lernende loten das Spannungsfeld zwischen Dokumentartheater, Bühnenaufführung und Fernsehunterhaltung aus und ergründen Möglichkeiten theatraler Zeichensprache.

Das Himbeerreich und seine Inszenierungen – ein Überblick
Das Himbeerreich und seine Inszenierungen – ein Überblick
Das Himbeerreich, als Auftragswerk des Deutschen Theaters Berlin und des Schauspiels Stuttgart im Januar 2013 unter der Regie des Autors Andres Veiel uraufgeführt, basiert auf 25 Einzelgesprächen mit ehemaligen und aktiven Bankern zum Zeitpunkt der Finanzkrise. Das rund 1500 Seiten umfassende und anonymisierte Transkript montierte und kürzte der Autor zu einem Stück, in dem vier Investmentbanker und eine Investmentbankerin die Hauptrollen spielen. Die dramatis personae, denen ein Chauffeur eines Vorstands als moralische Instanz an die Seite gestellt wird, sind folglich eine fiktionale Konstruktion, ihre Einlassungen als solche sind jedoch tatsächlich überliefert, zumal Veiel eigenen Aussagen zufolge nichts hinzuerfand. Dokumentationsanspruch und Wirklichkeitsbehauptung der auf die Bühne gebrachten Bankeninterna sind somit zentral für Das Himbeerreich, dessen Titel auf die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zurückgeht und synonym für eine konsumorientierte Warenwelt und den Kapitalismus schlechthin verwendet wurde.
Neben Berlin und Stuttgart als Orte der Uraufführung wurde Das Himbeerreich mittlerweile im deutschsprachigen Raum u.a. in Salzburg, Kassel, Freiburg, Neuss, Frankfurt, Kiel, Köln, Aachen, Cottbus und Nürnberg auf die Bühne gebracht. Zudem wurde es in mehrere Sprachen übersetzt und auch international aufgeführt. Eine Hörspielfassung produzierte der RBB in Co-Produktion mit dem Hessischen Rundfunk (2014).
Zum Autor
Andres Veiel, Jahrgang 1959, Autor, Film- und Theaterregisseur, gilt im deutschsprachigen Raum als einer der wichtigsten Vertreter einer politisch engagierten Kunst. Das Werk des studierten Psychologen lotet häufig Grenzbereiche zwischen Realität und Fiktion aus und beleuchtet Zusammenhänge zwischen biografischer und historischer Gewalt. Kennzeichnend für seine Arbeitsweise sind detaillierte Recherchen als Basis für seine Projekte – so auch für Das Himbeerreich.
Es ist scheinbar ruhiger geworden um den schnöden Mammon im Jahr elf nach Beginn der letzten Finanzkrise. Politiker und Notenbanker versichern sich wechselseitig, das Schlimmste sei überstanden, eine Konsolidierung erreicht. Gleichwohl gibt es auch warnende Stimmen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis eine erneute Krise ausbreche. Und auch die Theatermacher bleiben skeptisch. Nach wie vor – und seit etwa 20 Jahren, folglich deutlich vor Beginn der Krise von 2008 – ist das Finanzthema Gegenstand zahlreicher, häufig in der Tradition des Dokumentartheaters stehender Inszenierungen (vgl. Heiderich 2016, S.77ff.).
Zugleich stellen die Bühnen jedoch ihr Eingebundensein in ökonomische Prozesse zur Schau: Die Theater bauen Homepages aus und etablieren das zwischen Kunst und Kommerz oszillierende Hybridmedium des Theatertrailers (vgl. Heiderich 2015). Als Hybridmedium ist der Theatertrailer an der Schnittstelle von Dramentext, Strichfassung, Theateraufführung, Dramenverfilmung, Audio-Datei und ggf. Musik-Clip angesiedelt. Die Bandbreite zur Produktion von Theatertrailern ist groß (vgl. Basisartikel).
Das vorliegende Unterrichtsmodell verbindet drei zentrale Entwicklungen der letzten Jahre miteinander:
  • Mit Andres Veiels Das Himbeerreich steht ein Theatertext im Mittelpunkt, der sich dezidiert mit Ökonomie befasst;
  • zugleich liegt eine dokumentarische Theaterform vor und
  • es werden Theatertrailer als Nebentexte einbezogen.
Der dokumentarische Theatertext Veiels ist, da er auf Interviews mit Top-Bankern basiert, von Expertendiskursen der Bankenwelt durchdrungen. Die qua Sprache bedingten In- und Exklusionsmechanismen werden durch die Figur des...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 270 / 2018

Nebentexte

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13