Annabel Falkenhagen

Wertung im Gespräch

Die Schülerinnen und Schüler entwickeln ihre eigenen Wertungen gegenüber dem Werk.
Die Schülerinnen und Schüler entwickeln ihre eigenen Wertungen gegenüber dem Werk., © MH/stock.adobe.com

Annabel Falkenhagen

Eine Herausforderung für den Literaturunterricht

Gegenstände des Literaturunterrichts differenziert zu bewerten stellt eine Herausforderung für Schülerinnen und Schüler dar. Im Gespräch zum Film L.A. Crash proben die Lernenden, Werturteile bewusst zu artikulieren und argumentativ nachvollziehbar zu diskutieren.

Das Modell ist konzipiert für Unterrichtseinheiten, in deren Zentrum ein Film (vgl. Kasten Zum Film) steht, lässt sich aber für andere literarische Medien adaptieren. Innerhalb der Einheit ist es angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Verständnissicherung und vertiefender Analyse/Interpretation. Die Schülerinnen und Schüler sollten bereits für die unterschiedlichen Aspekte des Werkes sensibilisiert sein.
Zum Film L.A. Crash
Zum Film L.A. Crash
Für die Erprobung dieses Modells wurde der Film L. A. Crash (Originaltitel: Crash) des Regisseurs Paul Haggis aus dem Jahr 2004 ausgewählt.
Unterschiedliche Straftaten vom Autodiebstahl über sexuelle Belästigung bis hin zum Totschlag , begangen innerhalb von ca. 36 Stunden in L.A., führen die acht zentralen Figurenpaare in über fünfzig Szenen in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Auch durch seine teilweise nicht-lineare zeitliche Struktur ist das Episodenfilmdrama bereits, was das Verständnis der Handlungszusammenhänge anbelangt, eine Herausforderung. Inwiefern diese Komplexität als essenzieller Teil des Kunstwerkes gewertet wird oder als verwirrend und unnötig kompliziert, ist daher ein erster potenziell kontroverser Punkt.
Inhaltlich geht es um eine Reihe brisanter, moralisch aufgeladener Themen wie Rassismus, Konflikte zwischen persönlichen und beruflichen Verpflichtungen, Schuld und Vergebung. Die Figuren mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund unter ihnen Polizisten, jugendliche Kleinkriminelle, eine Hausfrau, ein Regisseur, ein Händler, ein Staatsanwalt bzw. Politiker, ein Monteur sind meist höchst ambivalent angelegt, oft Täter und Retter, Schuldige und Opfer zugleich.
Dem traditionellen Bild eines Helden oder einer Heldin entspricht niemand, schematische Erwartungen werden konsequent gebrochen. Bei dem Versuch, unerwartete und problematische Verhaltensweisen einzuordnen und in Beziehung zur Gesamtaussage zu setzen oder die Bedeutung schockierender Ereignisse auszuloten, können die Schülerinnen und Schüler zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Film und Figuren rufen so einerseits zwar deutlich zur Wertung auf, widersetzen sich aber andererseits konsequent einem einfachen Urteil.
Besonders geeignet erscheint das Modell für Klassen am Ende der Unter- und Anfang der Mittelstufe. Hier sind die Lernenden bereits in der Lage, die Komplexität des Themas kognitiv zu bewältigen, benötigen in der Auseinandersetzung mit Fragen der Wertung aber häufig noch Schulung. Das Modell kann entsprechend modifiziert auch in allen folgenden Klassenstufen angewendet werden.
Ziel ist es, die Lerngruppe zu befähigen, im Gespräch differenziert(er) und argumentativ nachvollziehbar die Bewertung eines literarischen Mediums zu diskutieren. Hierfür muss zunächst ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Elemente der Wertung und ihre Verbindung geschaffen werden. Im Gespräch sollen die Schülerinnen und Schüler sich dann des Zusammenhanges von Wertung und Interpretation sowie der Möglichkeit unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen bewusst werden und so auch von ihren eigenen abweichende Werturteile als möglich und begründbar akzeptieren lernen.
Wertungen habeneine komplexe Struktur
Sich differenziert wertend zu literarischen Medien zu verhalten und eigene Wertungen überzeugend zu begründen stellt für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I oft eine Herausforderung dar. Diese besteht meist weniger darin, einen eigenen Standpunkt zu finden, denn darin, diesen zu erläutern und argumentativ zu stützen. Schließlich handelt es sich bei Wertungen – so zumindest legen es sprachphilosophische Untersuchungen...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 280 / 2020

Gespräche über Literatur

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8