Julia Sander

Was wäre, wenn …

Abb. 1: Die erste Seite des Kapitels wird als Einstiegsimpuls verwendet.
Abb. 1: Die erste Seite des Kapitels wird als Einstiegsimpuls verwendet. , aus: Herzog/Clante, Pssst! Seite 85 © Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2016

Julia Sander

Selbstreflexion und das Ausloten des (Anders-)Möglichen in der Auseinandersetzung mit der Graphic Novel Pssst!

Anhand von „Was wäre, wenn ...-Ideen können Lernende der Sekundarstufe Iihre Kritikfähigkeit weiterentwickeln. Sie entwerfen und reflektieren Vorstellungen und loten Alternativen aus.

Das Unterrichtsmodell fokussiert das Kapitel „Was wäre, wenn ... (Herzog 2016, S. 8590). Auf der Titelseite des Kapitels trägt Viola ein Superman-Kostüm, das auch (selbst)ironisch auf die großen Lebensentwürfe verweist, die Gegenstand der folgenden Seiten sind. Zunächst werden auf einer Seite konjunktivisch alternative Lebensbedingungen durchgespielt: Was wäre, heißt es da z.B., „[w]enn ich in Amerika geboren wäre oder vor hundert Jahren [...] oder ein Junge wäre. Violas Überlegungen tangieren auch familiäre Konstellationen, Bildungsvoraussetzungen, ökonomische Voraussetzungen, politische und religiöse Umstände. Das letzte Panel wirft mit dem Halbsatz „...wäre ich dann immer noch ich? die Frage nach der (Un-)Abhängigkeit des Ichs von den Relationen auf, in denen es steht: Welchen Einfluss haben veränderte Bedingungen auf das Ich, welche hat das Ich auf Bedingungen? Verstehen wir Subjektivität eher als unbedingte Selbstsetzung oder als gänzlich bestimmt oder als zugleich bedingt und bedingend (vgl. Sander 2015, S. 282ff.)? Auf den folgenden Seiten spinnt Viola „Was wäre, wenn ...-Vorstellungen weiter. Ohne dass dies explizit markiert würde, wechselt die Darstellung wiederholt von Violas schulischer Realität in ihre Fantasie – erkennbar durch Hyperbeln, Ironie und eine andere Hintergrundgestaltung und wieder zurück.
Zur Graphic Novel Pssst!
Zur Graphic Novel Pssst!
Im Zentrum der Graphic Novel Pssst! von Annette Herzog und Katrine Clante (2016) steht die Fünftklässlerin Viola, die von sich und ihrem Alltag berichtet und ihr Umfeld und Erleben reflektiert. Angesichts all dessen, was sie war, ist, nicht sein will, auch was andere in ihr sehen, ist sie „completely confused!: „Warum kenne ich mich eigentlich selbst so schlecht, obwohl ich rund um die Uhr mit mir zusammen bin? Das Skizzen- und Tagebuch macht Schülerinnen und Schülern das abstrakte und zugleich individuell bedeutsame Thema der Subjektivitätsentwürfe zugänglich. In zwölf Kapiteln geht es in assoziativer Aneinanderreihung um Fragen, die man sich als Heranwachsende*r stellt: Fragen nach der eigenen Herkunft, der Beziehung zu Eltern und Großeltern, nach eigenen Rollen und dem eigenen Aussehen, nach Besitz, Beziehungen zu Gleichaltrigen, nach Sinn, Idealen, Zukunft.
In einer ersten Fantasie bringt Viola Nahrungsmittel nach Afrika, die in hiesigen Supermärkten weggeworfen wurden. Einheimische, die in ihrer naiven Konstruktion auf reine Hilflosigkeit reduziert werden, danken ihr überschwänglich, bezeichnen sie als Heldin, was auch der Rückverweis auf das Superman-Kostüm unterstreicht. Dann rücken Panzer ins Bild, die Klingel der Schule ertönt Viola ist zurück in der Realität. Da auf Kinder niemand höre, beschließt sie, Einfluss zu nehmen, wenn sie erwachsen ist. Im nächsten Entwurf imaginiert sie sich als erfolgreiche Sängerin, die ein Konzert „Gegen den Hunger gibt. Wieder ist die Rückkehr in die Realität unsanft: Viola läuft mit dem Kopf gegen einen Laternenpfahl, sie erfüllen Zweifel, wieder entwickelt sie einen alternativen Entwurf: „Aber ich könnte Pilotin werden. Oder Schauspielerin. Oder Ärztin ...
Das letzte Panel zeigt Viola, die aus mehreren Werkzeugen die Säge gewählt hat, im OP: „Mein Opa war Tischler. Das wird schon klappen. Voraussetzungen wie diese, ironisch ins Spiel gebracht, wirken auf Violas Vorstellungen bestärkend und begrenzend ein. Bestärkend wirken ihre (stellenweise naive) Kritik an der Gegenwart sowie der Wunsch nach Anerkennung (S. 87, 89), der Wunsch, sich zu zeigen und Dinge zu verbessern (S. 88), beschränkend wirken der Eindruck des Nicht-gehört-Werdens als Kind (S. 88), das Wissen...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

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