Daniel Scherf

Warum verkauft Narinder die Maus?

©Africa Studio/Adobe Stock

Daniel Scherf

Anhand der Kurzgeschichte „Narinders Maus Annahmen zum Innenleben einer Figur differenziert erarbeiten

Texte verstehend zu lesen, bedeutet, aktiv Bedeutung zu konstruieren. Kein Text liefert beispielsweise alle Informationen, die man zu seinem Verstehen braucht, weshalb man als Leser/-in die gegebenen Informationen immer mit eigenem Wissen verknüpfen muss; und um den textseitig provozierten „Film im Kopf sehen zu können, muss man die beschriebenen Szenerien selbst rege imaginieren.
Gerade literarische Texte weisen nun einige Tücken auf, was ihre leserseitige Realisierung angeht: Einerseits wird in ihnen nämlich häufig gerade nicht berichtet, was Leser/-innen zu sehr interessierte und was sie für ihren „Film eigentlich bräuchten beispielsweise warum eine Figur eine bestimmte Handlung vornimmt. Wie sollen Lesende mit solchen Leerstellen umgehen? Andererseits wird genauso häufig Widersprüchliches berichtet. Wem oder was soll man dann glauben? Dieser Beitrag zeigt, wie man lernen (und lehren!) kann, mit solchen Tücken literarischer Sinnbildung umzugehen.
Literatur verstehen: ganz schön anspruchsvoll!
Liest man literarische Texte, erfordert dies häufig ganz spezielle Denkschritte (vgl. Infokasten). Indem man diese angeht, reagiert man einerseits auf bestimmte Phänomene, die am Text liegen: Literarische Texte sind, wie schon angedeutet, z.B. häufig reich an Leerstellen, die man als Leser/-in (versuchsweise) füllen muss. (Wie genau sieht eine Figur aus? Gemeinhin stellt man sich das deutlicher vor, als es berichtet wird.) Andererseits entspricht man mit solchen Denkschritten gängigen Mustern literarischer Kommunikation. So kann man davon ausgehen, dass in literarischen Texten Formulierungen bewusst gewählt sind weshalb man sich gemeinhin über die Gestaltung des Textes mehr Gedanken macht als beim Lesen eines Sachtextes.
Besonders herausfordernd ist es, mit dem bereits erwähnten Umstand der Unbestimmtheit umzugehen: Literarische Texte lassen gewissermaßen „absichtlich eine ganze Reihe von Informationen aus, die man eigentlich benötigte, um den Text verstehen zu können. Um zu einem stimmigen mentalen Modell, also einem „Film im Kopf zu gelangen, muss man beim Lesen mitunter umfassende Annahmen zu den textseitig gegebenen Informationen hinzufügen und sehr weitreichende Schlussfolgerungen ziehen. Solche Annahmen und Schlussfolgerungen betreffen dabei häufig das Innenleben von Figuren: Wird über deren Erleben oder die Motivation für bestimmte Handlungen kaum etwas übermittelt, ergänzt man leserseitig was das Lesen spannend und interessant machen, aber ganz schön schwierig sein kann! Auch gegebene Informationen müssen manchmal eingeschätzt werden: Meint die Figur denn ehrlich, was sie sagt? Und wie glaubwürdig ist das, was über sie berichtet wird? Diese Fragen muss man für sich beantworten, wenn sich die Informationen als widersprüchlich oder unglaubwürdig darstellen.
Was Leser/-innen leisten müssen, um „Narinders Maus zu verstehen: typische Anforderungen, typische Reaktion?
Klar ist: Den Text (s. AB 1) zu verstehen, bedeutet, ein in sich stimmiges und die gegebenen Textinformationen aufgreifendes mentales Modell des Plots inklusive der beteiligten Figuren zu bilden. Relativ einfach zu realisieren ist dabei zunächst der Handlungsverlauf: Die Figur Narinder präsentiert einigen Freundinnen, u. a. der Erzählerin, eine Maus, die anscheinend ihr gehört. Auch, da sie befürchtet, dass Narinders Bruder diese umbringen könnte er mache solche Sachen dauernd, so Narinder , kauft Alice die Maus Narinder ab.
Die Erzählerin erfährt zu einem späteren Zeitpunkt dann von ihrem Bruder, dass sich Narinders Bruder Ranjit heftig gräme, weil dessen Maus verschwunden sei. Ranjit sei eben ein sensibler Junge.
Wie diese beiden Situationen zusammenhängen, bleibt von der Erzählerin unkommentiert. Klar wird den Leserinnen und Lesern allerdings: Irgendetwas kann nicht...

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aus: Deutsch 5-10 Nr. 65 / 2020

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