Wolfang Herrndorfs Tschick als digitale Geschichte

Interpretation des Jugendromans mithilfe von digitalen Szenen

Viele Gedanken und Gefühle der Figuren werden in Herrndorfs Roman nur angedeutet. Mit diesem Unterrichtsmaterial werden Textverstehen und Medienkompetenz erweitert. Durch die Textwiedergabe in Form einer digitalen Geschichte wird die emotionale Beziehung zum Text gefördert und die Interpretation erleichtert.

Tschick Unterrichtsmaterial für den Deutschunterricht
tschick Unterrichtsmaterial © Rowohlt Berlin

tschick Unterrichtsmaterial inklusive kostenlosem Downloadmaterial

Zur Vorbereitung der Gruppenarbeit sollten die Stationen der Reise bereits im Plenum festgehalten und zu den Hauptcharakteren Steckbriefe verfasst werden.

Überblick zur Handlungs- und Figurenanalyse der Hauptcharaktere

Maik Klingenberg
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Er wirkt zunächst wie ein langweiliger Junge ohne Freunde, der sich seiner Unbeliebtheit in der Schule schmerzlich bewusst ist (S. 21). Er ist weder „wahnsinnig gut im Kennenlernen“ (S. 23) noch ähnelt er den anderen Klassenkameraden. Als er einen Aufsatz mit dem Titel „Mutter und die Beautyfarm“ über die Alkoholsucht seiner Mutter vor der Klasse vorliest, hat er für geraume Zeit seine Bezeichnung als „Psycho“ sicher. Er ist laut eigenem Urteil gut im Hochsprung, doch sonst gibt es ziemlich viele Sachen, die er nicht kann (S. 36). Das mangelnde Interesse seiner Mitschüler an seiner Person, insbesondere der Mädchen, nagt an ihm (S. 40). Auch den neuen Klassenkameraden Tschick kann er von Anfang an nicht leiden (S. 41). Maik wohnt mit seinen Eltern in einer Villa mit Pool in Berlin-Hellersdorf. Die Bindung zu seinem karrierebedachten Vater ist chronisch gereizt, wenngleich er zu der Mutter eine enge Beziehung pflegt. „Reich, feige und wehrlos“ (S. 62) ist Maik laut Eigenwahrnehmung und obendrein schrecklich unglücklich verliebt in seine Klassenkameradin Tatjana Cosic. Maik mangelt es nicht an materiellen Gütern, sondern an emotionaler Nähe, Anerkennung und Wertschätzung. Die entstehende Freundschaft zu Tschick ändert dies.

Andrej Tschichatschow
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Trotz seines Außenseiterstatus (ungewöhnliche Kleidung, regelmäßige Alkoholfahne) verschafft sich der neue Klassenkamerad schnell Respekt (Kapitel 9). Laut eigenen Angaben kam er vier Jahre vor Beginn der Rahmenhandlung mit seinem Bruder aus einfachen Verhältnissen aus Russland nach Deutschland. Tschick wirkt mit seiner Plastiktüte „wie ein Asi“ (S. 41), schreibt schlechte Noten und fällt im Unterricht betrunken vom Stuhl. Erst mit fortschreitender Handlung zeigt sich, dass Tschick ein reflektierter Jugendlicher ist. Auch seine Homosexualität offenbart sich dem Rezipienten erst spät. Er ist als eine Art Helfer-Figur entscheidend an der Figurenentwicklung Maiks beteiligt. Dabei bringt er seinem Freund nicht nur das Autofahren- und Kurzschließen bei, sondern verpasst ihm zugleich eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Gemeinsam denken die beiden über Unendlichkeit, Liebe und das Erwachsensein nach.

Isa Schmidt
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Isa ist ebenso 14 Jahre und tritt den beiden ungepflegt und hungrig entgegen (Kapitel 29). Sie macht zunächst einen merkwürdigen Eindruck auf die Jungs, die von ihr genervt sind. Dennoch erweist sie sich als hilfsbereit, indem sie den beiden Schläuche zum Benzinabzapfen für die weitere Reise zeigt. Mit einer mysteriösen Holzkiste im Gepäck folgt sie den Jugendlichen und erzählt, dass sie in ihrer Zukunft mal beim Fernsehen arbeiten will. Die Zuneigung zu Maik wird mit zunehmendem Handlungsfortgang ersichtlich (Kapitel 29–34), ehe sie die Gelegenheit ergreift, zu ihrer Schwester zu kommen, und abrupt aus der Handlung austritt.

Zeitgestaltung und Schauplätze
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Der Roman weist eine Rahmenhandlung auf, deren Binnenhandlung in einem umfassenden Rückblick erzählt wird. In den ersten vier Kapiteln berichtet der Protagonist auf der Polizeistation bzw. im Krankenhaus vom Unfallhergang, über dessen Hintergründe man noch nichts Genaues erfährt. Rückblickend erzählt Maik dann von seiner Schulzeit von der fünften bis zur achten Klasse. In den Kapiteln 12–44 umfasst die erzählte Zeit 13 Tage – die Dauer der Abenteuerreise auf dem Weg in die Walachei. Der Roadtrip beginnt in Kapitel 19. Ein Ende findet diese Reise schließlich mit dem besagten Autounfall. In den letzten vier Kapiteln steht Maik Klingenberg am Beginn des neunten Schuljahres. Als Schauplätze dienen neben dem Haus der Klingenbergs und der Schule namenlose Ortschaften (z. B. ein See, ein Gebirge, eine Müllhalde) in der Umgebung von Berlin, überwiegend in Brandenburg.

Vorbereitung: Auseinandersetzung mit der Handlung und den Figuren

Zunächst erstellt die Lerngruppe mithilfe der Lehrkraft einen Überblick über die Handlung. Gemeinsam legen sie fest, welche Schlüsselszenen für die digitale Inszenierung zentral sind.
Auf Basis der Schlüsselszenen wird die Klasse in Gruppen eingeteilt.

Gruppenphase: Ein Tonskript anfertigen und Schauplätze planen

Nachdem jede Gruppe sich intensiv mit ihrem ausgewählten Textausschnitt beschäftigt hat (Was geschieht? Wer handelt? Wer spricht? Welche Handlungsmotive liegen vor? …), wird der digital vorliegende Text (PDF-Format oder E-Book) mittels der App iAnnotate als Tonskript vorbereitet (Material 1). Zunächst überlegen die Gruppen sich, welche Passagen ihres Ausschnittes zentral sind und welche zusammengestrichen werden können. Es bietet sich an, dass jeder Textausschnitt in mehrere Teile zerlegt wird, da eine Tellagami-Szene maximal 90 Sekunden gesprochenes Material wiedergeben kann. Zur Einführung und Orientierung sollte vor Beginn der Arbeit eine Beispielszene eines beliebig konstruierten Tellagami-Avatares gezeigt sowie grundlegende Funktionen der App erläutert werden. Die Schüler wählen aus, ob sie die kommentierenden Erzählerpassagen einsprechen (und sozusagen als eine Stimme aus dem Off zu den Avataren-Szenen hinzufügen) oder aber sich auf die handelnden Figuren beschränken. In diesem Fall müsste die ausgewählte Textgrundlage gegebenenfalls durchgehend dialogisiert werden.

Hier finden Sie Informationen zu den verwendeten Apps und zum Erstellen der Avatare

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In der iAnnotate-App fertigen die Gruppen nun ein Tonskript für die digitale Story an. Hierfür wird der jeweilige Textausschnitt aus dem Roman je nach Gruppenentscheidung verkürzt oder umgeschrieben. Dazu ermöglicht die App das Einfügen von gesprochenen Dateien und Geräuschen/Musik. Dies dient zum einen dem Ziel, die Stimme als Interpretationsmedium zu nutzen und zum anderen der Aufbereitung einer akustisch authentischen Szene. Im Anschluss notieren die Schüler im PDF-Dokument bereits passende Schauplätze für die einzelnen Szenen oder fügen Bilder/Fotos aus ihrer Lebenswelt ein, welche als Hintergründe (Handlungsorte) geeignet sind. Am Ende dieser ersten Phase (aufbauend auf den vorher angefertigten Handlungs- und Figurenanalysen) sollen die Gruppen genau wissen, wie viele Tellagami-Szenen sie für ihren Abschnitt erstellen wollen. Zusätzlich haben sie die Texte (inklusive Sprechanweisungen, Geräuschkulisse) für die Aufnahme vorbereitet. Alternativ zu der App iAnnotate kann auch Adobe genutzt werden. Die zur Verfügung stehenden Werkzeuge bei iAnnotate sind jedoch vielfältiger (z. B. Voice-Dateien aufnehmen und direkt einfügen).

Avatare erstellen

Auf Basis der Tonskripte und der visuellen und akustischen Notizen in den PDF-Dokumenten gilt es nun, die Figuren des Werkes in Tellagami-Avatare umzuwandeln (Material 2). Hierfür benötigen die Schüler sowohl ihre Figuren-Steckbriefe aus der Vorbereitungsphase als auch ihre Analyseergebnisse der Gruppenphase. Als Ergebnis dieser Phase sollten alle Gruppen ihre geplanten Szenen erstellt und gesichert haben.

Präsentation der Szenen

Die Gruppen können ihre Ergebnisse präsentieren und im Anschluss reflektieren. Aus den einzelnen Tellagami-Szenen kann aber auch ein zusammenhängender Film produziert werden (zum Beispiel mit einem Videoschnittprogramm wie App iMovie).

Kostenlose Downloads

Material 1: Ein Tonskript vorbereiten

Material 2: Mit der App Tellagami Figuren erstellen

Fakten zum Artikel

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