Monika Gross

Sophie Jordan: Infernale

Die Lernenden hinterfragen kritisch, was es bedeutet, wenn Menschen aufgrund ihrer Gene ausgegrenzt und sie im Interesse des Staates manipuliert werden können.
Die Lernenden hinterfragen kritisch, was es bedeutet, wenn Menschen aufgrund ihrer Gene ausgegrenzt und sie im Interesse des Staates manipuliert werden können. , © picture alliance/imageBROKER

Monika Gross

Eine Dystopie analysieren und kritisch beurteilen

Ein Gentest verändert das Leben von Davina Hamilton: Träger ihrer Genvariante neigen angeblich zu extremer Gewalttätigkeit. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich kritisch mit dem Text auseinander, um abschließend auch den Roman kritisch beurteilen zu können.

Die dystopische Anlage des Romans Infernale fordert eine intensive Beschäftigung geradezu heraus. Der Roman führt vor, was passiert, wenn Menschen aufgrund von vermuteten genetischen Anlagen gesellschaftlich ausgegrenzt und kriminalisiert werden. Sophie Jordan verknüpft diesen Themenkomplex mit der Entwicklung der Protagonistin und bringt damit einen weiteren zentralen Aspekt ins Spiel, nämlich den inneren Prozess des Erwachsenwerdens. In Davinas Fall betrifft dies die Lösung von den Eltern und die Suche nach ihrer Identität unter radikal veränderten Voraussetzungen. Sie ist gezwungen, ihre Vorstellungen von Freundschaft und Liebe zu überdenken, sie muss sich fragen, welche Werte für sie Gültigkeit haben, sie muss herausfinden, was die Triebfedern ihres Handelns sind. Eine Beschäftigung mit diesen Fragen ist für jugendliche Leser motivierend.
Buchvorstellung
Buchvorstellung
Im Zentrum der Dystopie Infernale von Sophie Jordan steht die 17-jährige Schülerin Davina Hamilton, die bis zum Einsetzen der Romanhandlung ein sorgenfreies, behütetes Leben geführt hat und eine erfolgreiche Zukunft vor sich zu haben glaubte. Aufgrund ihrer musikalischen Begabung hatte sie die Aussicht, eine erstklassige Musikhochschule zu besuchen. Ihr Leben verändert sich von einem Tag auf den nächsten, als sie erfährt, dass ein landesweiter Gentest in ihrem Fall zu einem positiven Ergebnis geführt hat. Dieser Gentest basiert auf einer nicht weiter ausgeführten humangenetischen Forschung, die das HTS-Gen (Homicidal Tendency Syndrome) identifizieren soll. Träger dieser Genvariante zeichnen sich durch extreme Gewalttätigkeit aus. In Davinas Leben bleibt kein Stein auf dem anderen. Ihre Freunde wenden sich von ihr ab, ihre Eltern verschließen sich in ihrer emotionalen Überforderung vor ihr, ihre schulische Laufbahn bricht ab. Nach einem Streit mit ihrem Freund wird sie mit einem tätowierten H an ihrem Hals als gewalttätig gebrandmarkt. Eine Massenschießerei führt dazu, dass die behördlichen Maßnahmen verschärft und alle Träger des HTS-Gens interniert werden. Die Ausbildung, die Davina im Lager erhält, führt bei ihr zu genau dem aggressiven Verhalten, das den Trägern des Gens von vornherein unterstellt wird. Sie wird gezwungen, einen Lagerflüchtling zu erschießen. Dieser Vorfall verschärft die Krise, in der sie sich ohnehin schon befindet, und führt letztlich dazu, dass sie, zusammen mit drei anderen Internierten, aus dem Lager flieht.
Kritische Kompetenz zeigt sich im Literaturunterricht u. a. in der Fähigkeit, ein Werk zu beurteilen. Die kritische Auseinandersetzung kommt jedoch ohne ein fundiertes Textverständnis nicht aus. Deshalb ist in diesem Modell die Entwicklung von Urteilsfähigkeit auf zwei Ebenen mit Prozessen des Textverstehens verknüpft:
Figurengestaltung
Die Figur Davina bildet das Zentrum des Romans, ihre Perspektive dominiert, ihr Schicksal weckt bei den Lernenden Interesse und Neugier. Damit liegt es nahe, der Analyse und Beurteilung der Figur angemessenen Raum zu geben. Eine besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die von Davina ausgeübten gewalttätigen Handlungen. Allerdings geht es dabei nicht um eine Beurteilung von Davinas Verhalten aus moralischer Perspektive, auch wenn ethische Fragen im Roman stets mitverhandelt werden. Vielmehr soll hier eine kritische Auseinandersetzung mit der Gestaltung der Figur unter literarischen Aspekten angeregt werden, auf der Basis von Einfühlung in die Figur und genauer Textwahrnehmung. Damit kann auch deutlich werden, dass Empathiefähigkeit und Urteilsfähigkeit im Prozess der Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk zwar...
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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

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Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-11