Monika Gross

Schreibgespräche für das Verstehen nutzen

Der Verschollene (1975/85), Gemälde des Künstlers Pjotr Wassiljewitsch Pawlow (Moskau, Zentrales Künstlerhaus)
Der Verschollene (1975/85), Gemälde des Künstlers Pjotr Wassiljewitsch Pawlow (Moskau, Zentrales Künstlerhaus), © akg-images

Monika Gross

Eine Unterrichtsreihe zu Franz Kafkas Romanfragment Der Verschollene

Im Schreibgespräch erfährt die Lerngruppe, dass individuelle Verstehensprozessedurch den Austausch mit anderen vorangetrieben und bereichert werden.

Zum Potenzial von Schreibgesprächen
Schreibgespräche bieten die Möglichkeit, sämtliche Schülerinnen und Schüler eines Kurses/einer Klasse in die aktive Auseinandersetzung mit einem Text zu involvieren, und zwar in einer Atmosphäre konzentrierten Schweigens, das sowohl individuelles Nachdenken als auch Teilnahme am Gespräch ermöglicht. Während im mündlichen Unterrichtsgespräch häufig die redegewandten, schnell denkenden Lernenden dominieren, kommen im Schreibgespräch alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig zum Zuge, indem sie in ihrem individuellen Tempo ihre Gedanken darstellen, das Gespräch mitgestalten und in eigener Regie Akzente setzen: Sie lesen, was die anderen Gesprächsteilnehmer schreiben, kommentieren, hinterfragen, präzisieren das Gelesene, ergänzen Aspekte, stellen Beziehungen zwischen einzelnen Gedanken her (vgl. Die Methode „Schreibgespräch). Auf diese Weise kann sich ein komplexes Gespräch mit immer wieder neuen Verästelungen entwickeln. Damit sind sie geeignet, eigenverantwortliches Handeln zu stärken und die schriftliche Kommunikationsfähigkeit zu fördern. Schreibgespräche zwingen zum genauen Formulieren und zur Interaktion. Die Schülerinnen und Schüler lernen, aufeinander einzugehen und kontinuierlich das eigene Verstehen durch Rückfragen und Kommentieren weiterzuentwickeln. Während im Unterrichtsgespräch unpräzise Formulierungen und unklare Argumentationen nicht selten unhinterfragt im Raum stehen bleiben, erleben die Lernenden im Schreibgespräch eine deutlichere Notwendigkeit, ihre Beiträge eindeutig zu formulieren bzw. durch entsprechende Nachfragen sprachliche und gedankliche Klarheit einzufordern. Sie erfahren, dass die Langsamkeit des Schreibens eine intensivierende Wirkung auf Denkprozesse haben kann. Die Stille im Raum, die Konzentration der Schreibenden, die körperliche Bewegung beim Wandern um den „Schreibtisch lassen eine produktive Dynamik entstehen.
Die Methode „Schreibgespräch
Die Methode „Schreibgespräch
Im Schreibgespräch kommunizieren die Partner schriftlich abwechselnd miteinander. Sie befüllen gemeinsam ein großes Blatt, in der Mitte steht das Thema. Dabei kann es sich um eine Fragestellung, um erste Eindrücke oder vorab formulierte Thesen handeln. Dabei nehmen sie aufeinander Bezug und gestalten so gemeinsam ihren Text.
Für alle Beteiligten, auch für die Lehrkraft, kommt ein weiterer entscheidender Vorteil hinzu: Während mündliche Äußerungen oft flüchtig sind, ist das geschriebene Wort auf dem Papierbogen fixiert und kann leichter für die Weiterarbeit herangezogen werden. Verstehensentwürfe und Argumentationen können genauer nachvollzogen, leichter geprüft und korrigiert werden.
Der Ertrag von Schreibgesprächen ist jedoch nur dann hoch, wenn man für den Ablauf und die Auswertung genug Zeit zur Verfügung stellt. Gerade bei ersten Versuchen mit der Methode ist zu bedenken, dass die Entschleunigung bei Lernenden Irritation und Abwehr auslösen kann, was sich dann möglicherweise in einem Abgleiten in mündliche Gespräche äußert. Es empfiehlt sich, im Anschluss an den Einsatz der Methode die Schülerinnen und Schüler in einem Reflexionsgespräch ihre Erfahrungen beschreiben zu lassen.
Der Verschollene im Literaturunterricht
Kafkas Romanfragment Der Verschollene (Franz Kafka: Der Verschollene) bietet jugendlichen Leserinnen und Lesern vielfältige Möglichkeiten der Verstrickung. Der siebzehnjährige Karl Roßmann steht vor der Aufgabe, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er muss sich um seinen Lebensunterhalt kümmern, seinen Platz in der Gesellschaft finden, Menschenkenntnis erlangen. Auf seinem Weg macht er viele schmerzhafte Erfahrungen, er wird ausgenutzt und betrogen. Aber trotz der erlittenen Niederlagen verliert er...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 280 / 2020

Gespräche über Literatur

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13