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Notizen und Rezensionen

Notiz: Der Literaturpreisträger im Klassenzimmer
Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
Dylan Thomas (19141953)
Bobby Allen Zimmerman, der sich vor etwa 50 Jahren den Vornamen des bewunderten walisischen Dichters Dylan Thomas als Nachnamen ausborgte, hat nach geschätzten 100 Millionen verkaufter Tonträger mit 75 Jahren den Nobelpreis für Literatur erhalten.
Bob Dylan
Bob Dylan
Der 1941 geborene Singer-Songwriter Bob Dylan wurde mit Anfang 20 zu einem Sprachrohr der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Bereits 2008 wurde er für seine Songtexte mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Nicht nur seinen deutschen Biografen, den Germanisten Heinrich Detering (2009), wird das freuen. Dylan hat im deutschen Sprachraum, mindestens so sehr wie anderswo in der Welt, eine große Fangemeinde, die ihm im Wesentlichen über alle Stilperioden, exzentrischen Auftritte und Phasen des Schweigens hinweg treu geblieben ist also von Hard Rain über Selfportrait, Blonde on Bonde, Slow Train Coming, Time Out Of Mind, Modern Times usw. bis zu Tempest und weiter.
Sind lyrics Lyrik?
Aber kann populäre Musik Literatur sein, sind lyrics Lyrik? Seit Songtexte ebenso dicht, überraschend und bilderreich sein können wie für gewöhnlich Texte in Gedichtbänden, ist das möglich. Und das ist so, seit der Mann mit der Gitarre und der Mundharmonika angetreten ist, Poesie zu singen, zu schreien, zu bellen und zu raunzen. Was er auch tat, er war fast immer ein Lyriker reinsten Wassers. Obwohl er nicht der einzige blieb, der die Musik nutzte um Poesie populär zu machen im englischen Sprachraum ist da etwa Leonard Cohen, im deutschen André Heller , überragt Dylan nicht nur das Mittelmaß der Songwriter/-innen (was nicht wirklich eine Kunst ist), sondern auch andere, die sich um anspruchsvolle Texte mit poetischer Anmutung bemüht haben.
Dieser Preis kann nur Leute überraschen, in deren Köpfen Popmusik in die Unterhaltungsbranche gehört und Literatur, ziemlich abseits davon, zwischen Buchdeckeln stattfindet. Aber Literatur ist nicht dauerhaft an ein Medium zu fesseln, und sie findet überhaupt nie auf Buchseiten statt, sondern in den Köpfen von Lesern, Hörern, Zuschauern.
Das ist aber eine Erkenntnis, die den Deutschunterricht bereichern kann. She knows, there´s no success like failure, and that failure is no success at all diese Zeile aus Love minus zero ließe sich übersetzen, in ihrer Paradoxie auslegen, an Beispielen konkretisieren. Bei Dylan gibt es Tausende solcher Zeilen. Es gibt Verse des Zorns, der Trauer, der Wut und der Liebe. Halten Sie doch demnächst eine Stunde über Bob Dylan!
Heinrich Detering hat auch eine zweisprachige Anthologie mit Dylans Texten bei Reclam (2008) herausgegeben. Außerdem gibt es natürlich die große deutsche Lyrics-Ausgabe des Übersetzers Gisbert Haefs (19622001, Hoffmann und Campe, 2004), und es gibt Richard Kleins Versuch einer Gesamtinterpretation My Name It Is Nothin: Bob Dylan: Nicht Pop, nicht Kunst (Lukas-Verlag 2006) es ist ja nicht so, dass wir nicht vorbereitet wären.
Kulturelles Gedächtnis
Das sollten wir aber auch sein. Denn die Jugendlichen haben ja inzwischen zumeist ganz andere Idole, und auch Nobelpreisträger sind, wie wir wissen, vom Vergessen bedroht. Es wäre ein Leichtes Literaturnobelpreisträger aufzuzählen, die heute keiner mehr kennt, geschweige denn liest.
Beauty walks a razors edge, someday Ill make it mine (aus Shelter from the storm): Es geht hier nicht um Popmusik, sondern um das kulturelle Gedächtnis und seine Texte. Auch eine schöne Paradoxie der Literatur und ihrer Wahrnehmung: Das gesprochene Wort verfliegt, blowin in the wind. Dass es mit Bob Dylan erstmals einen Literaturnobelpreisträger gibt, der vor allem zu hören ist, kann ihn vielleicht tatsächlich in das literarische Erinnern vieler Generationen einschreiben. Rage...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 260 / 2016

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