Clemens Kammler

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Miniaturausgabe vor dem Original der Bremer Statue
Miniaturausgabe vor dem Original der Bremer Statue , © Copyright WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Clemens Kammler

Märchen können in vielfältiger Weise auf die Gegenwart ihrer Leserinnen und Leser bezogen werden. Andererseits haben sie wie alle Texte eine Geschichte. Sie sind Produkte mündlichen und/oder schriftlichen Erzählens, behandeln Probleme auf zeitspezifische Weise und sind im Verlauf ihrer Rezeption einem Bedeutungswandel unterworfen. Der Basisartikel erschließt die von der Märchendidaktik der vergangenen Jahrzehnte weitgehend vernachlässigten historischen Zusammenhänge und zeigt Wege auf für aktualisierende Lektüren.

Im Deutschunterricht steht die Märchendidaktik seit Langem exemplarisch für die diversen Konzepte des Umgangs mit literarischen Texten. Alle Methoden, die hierzu entwickelt wurden, hat man auf diese Gattung angewandt. Betrachtet man die Rolle des Märchens in der Literaturdidaktik jedoch genauer, so kann man feststellen, dass dabei kontextualisierende Verfahren im Umgang mit Märchen, die nach den (kultur-)historischen Zusammenhängen fragen, in denen Märchen entstanden sind und rezipiert wurden, seit Längerem eine eher untergeordnete Rolle spielen.
Ein Blick in aktuelle Lehrpläne und -werke des Deutschunterrichts bestätigt das. So taucht zwar das sogenannte Volksmärchen als bevorzugter Lerngegenstand in der Primarstufe und in den unteren Klassen der Sekundarstufe auf, doch liegt der Schwerpunkt in der Regel bei der Erarbeitung literarischer Formmerkmale. In den höheren Jahrgangsstufen der Sekundarstufe I spielen Märchen als Unterrichtsgegenstand praktisch keine Rolle und in der gymnasialen Oberstufe ist es meist von den wechselnden landesspezifischen Prüfungsvorgaben abhängig, ob und unter welchen Fragestellungen man sie behandelt (in der Regel: Kunstmärchen im Zusammenhang mit der Epoche der Romantik). Gegen diese Beschränkung sprechen die zahlreichen Möglichkeiten historischen Lernens, die sich aus Geschichte und Gegenwart der Gattung ergeben. Denn Märchen sind nicht nur Dokumente ihrer Entstehungszeit, sondern in vielfältiger Weise anschlussfähig an Probleme, die uns heute noch betreffen. Nicht selten geht es in ihnen um Macht und Gewalt im Zusammenleben der sozialen Schichten und Gruppen, in der Beziehung zwischen den Geschlechtern und Generationen, im Verhältnis von Mensch und Natur. Doch nicht nur daraus resultiert ihr enormes Lernpotenzial, gerade auch für die höheren Jahrgangsstufen der Sekundarstufe I und für die Sekundarstufe II. Auch wegen ihrer beispiellosen intertextuellen und -medialen Rezeptionsmöglichkeiten eigenen sich Märchen in besonderem Maße für ein literarisches Lernen im Spannungsfeld zwischen aktualisierender und kontextualisierender Lektüre.
Um Schülerinnen und Schülern solches Lernen zu ermöglichen, werden in diesem Heft Märchen auf textexterne Materialien bezogen (vgl. Abraham/Kammler 2019). Dabei geht es nicht darum, ihnen Deutungen aufzuzwingen, indem man sie vor dem Hintergrund einer Theorie oder Weltanschauung interpretiert. Der Charakter eines Märchens als poetischer Text soll nicht unterschlagen, die historische Bedingtheit seines Bedeutungspotenzials aber in Ansätzen deutlich werden, ohne dass dabei auf vereinfachende Geschichtsbilder zurückgegriffen wird (zu diesen Tendenzen vgl. kritisch: von Brand 2016).
Märchen in der Gegenwartskultur
Zu den bekanntesten Texten der Brüder Grimm gehört Die Bremer Stadtmusikanten, den sie erstmals im Jahre 1819 in ihre berühmte Sammlung der Kinder- und Hausmärchen (KHM) aufgenommen haben. Entstanden ist das Märchen aus zwei Erzählungen, die die Grimms von der befreundeten Familie von Haxthausen aus der Gegend von Paderborn erhalten haben (Uther 2013, S. 68). Diese beruhen auf literarischen Quellen aus dem 16. Jahrhundert, unter anderem einem Lied des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs. In dem grimmschen Märchen verlassen ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn ihre Besitzer, als sie erfahren, dass diese sie töten wollen, da sie inzwischen zu alt sind, ihre Arbeit zu verrichten. Sie...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 284 / 2020

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13