Jochen Heins

Hightechwelt trifft auf Mythologie – aktuelle literarische Fantastik

© Beltz & Gelberg

Jochen Heins

Freund, Wieland: Krakonos.Weinheim: Beltz 2020, 296 S., 8,95€.
Nahezu jedes gegenwärtig kritische Thema wird in der literarischen Fantastik verhandelt. Der Natur-Technik-Diskurs ist einer der sich überlappenden und teilweise durchdringenden Diskurse. Der Roman Krakonos von Wieland Freund fügt sich in höchst interessanter Weise in diesen Diskurs ein, indem der Grundkonflikt von Natur und hoch technisierter Welt auf originelle Weise mit der Sagentradition um Rübezahl verbunden wird. Hightechwelt trifft auf Mythologie.
Zwei Erzählstränge: die Brüder Nik und Levi und Emma
Erzählt wird der dystopische Roman in zwei Erzählsträngen, zwischen denen temporeich hin- und hergesprungen wird. Angesiedelt ist das Setting in einer nicht allzu fernen Zukunft unter anderem in Berlin, wo Nik und Levi die meiste Zeit auf dem Campus des Internetkonzerns Qwip.com verbringen. Nik und Levi sind Brüder, könnten aber kaum unterschiedlicher sein. Nik fühlt sich wohl auf dem Technologiecampus. Levi aber lebt in seiner eigenen Welt und wann immer möglich streift er über das Campusgelände auf der Suche nach Insekten, die er beobachten und zeichnen kann. Aber dann taucht ein Rabe auf und die Ereignisse überschlagen sich. Denn der Rabe ist Krakonos bei uns besser bekannt als Rübezahl. Ein Berggeist also, der so alt ist wie die Welt selbst und der nach 50 Jahren Schlaf in einer hoch technisierten Welt wiedererwacht ist. In einer Welt, für die er unberechenbar ist und darum als gefährlich gilt.
Im Mittelpunkt des zweiten Erzählstranges steht Emma, eine Studentin der Mythobiologie, einer geheimen Naturwissenschaft, die die Erforschung und Geheimhaltung überzeitlicher Sagenwesen zur Aufgabe hat. Als Krakonos im polnischen Riesengebirge erwacht und in der Gestalt eines Raben davonfliegt, bleibt Emma nichts anders übrig, als das M-SEK zu alarmieren. Das M-SEK ist eine Spezialeinheit, die um jeden Preis verhindern soll, dass die Menschen von der Existenz überzeitlicher Wesen erfahren. Die Tötung der überzeitlichen Wesen wird für dieses Ansinnen billigend in Kauf genommen.
Auf dem Qwip-Campus trifft der Gestaltwandler Krakonos auf Levi und Nik, schließt sich ihnen in wandelnden Gestalten an und versucht mit ihnen, dem M-SEK zu entkommen. Eine erbarmungslose Jagd auf Krakonos beginnt. Für Levi ist die Freiheit und das Naturerleben außerhalb der Hightechblase eine beglückende Erfahrung und immer enger wird seine Beziehung zu Krakonos. Aber können Nik und Levi Krakonos trauen? Und wird Levi sich freiwillig wieder vom Berggeist trennen?
Die Geschehnisse werden durch einen personalen Erzähler kapitelweise aus Niks und Emmas Sicht erzählt (siehe Leseprobe). Als Leser ist man dadurch mal nah an den Verfolgten dran und mal an den Verfolgern, wodurch man Emmas Zerrissenheit zwischen dem Drang, Krakonos eine Flucht zu ermöglichen, und dem die Jungen zu schützen, unmittelbar miterleben kann. Die spannungsreiche Erzählweise erzeugt ein rasches Erzähltempo, das gerade für Leserinnen und Leser zugänglich ist, die ein handlungsorientiertes Lesen fesselt. Zugleich aber spricht der Roman kontroverse Themen und grundlegende Konflikte des Natur-Technik-Diskurses an und zeigt einmal mehr, dass literarische Fantastik keine minderwertige Literatur für eskapistisches Lesen ist.
Literarische Erfahrungs-räume in Gegensätzen
Für den Literaturunterricht der Sekundarstufe I ist Krakonos wegen seines gelungenen Balanceaktes zwischen Großstadt und Natur, Technologie und Mythos, Märchen und Realität ein lohnenswerter Gegenstand. Aufgrund der differenziert gezeichneten Figuren und der Ausgestaltung einer anderen Wirklichkeit bietet der Roman literarische Erfahrungsräume, in denen das Wunderbare, das durch die Aufklärung verdrängt wurde, die Logik der physikalisch-naturwissenschaftlichen Hightech-Welt irritiert.
Leseprobe
Leseprobe
Emma
Er war da draußen!
Sie stürzte aus der Tür, in den prasselnden Regen. Die Nacht war eine schwarze Wand.
„...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 281 / 2020

Textprozeduren: Lesen und Schreiben

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 7-10