Es ist wichtig, dein Leben zu leben

Crossan, Sarah: Wer ist Edward Moon? München: Mixtvision 2019, 357 Seiten, 17 €.
Crossan, Sarah: Wer ist Edward Moon? München: Mixtvision 2019, 357 Seiten, 17 €. , © Mixtvision
Der 17-jährige Joseph hat seinen Bruder Edward seit zehn Jahren nicht gesehen, denn so lange sitzt Ed bereits in einer Todeszelle in Wakeling, Texas. Ed, der sich auf seine Art immer um Joe gekümmert hat, weil ihre alkohol- und drogensüchtige Mutter dazu nicht in der Lage war. Eine Familie, die manche in Amerika als white trash bezeichnen. Eines Tages bricht Ed aus den kaputten Familienverhältnissen aus und wird wenig später wegen Mordes an einem Polizisten zum Tode verurteilt. Jetzt, wo das Hinrichtungsdatum feststeht, bittet Ed seinen Bruder Joe, ihn zu besuchen und ihm zuzuhören. Was Ed dann erzählt, ist die Geschichte von der Sehnsucht nach einem freien Leben womit nicht zuerst das Leben außerhalb der Gefängnismauer gemeint ist.
Die Liebe zum Leben kann durch die Todesstrafe nicht getötet werden
Zweifelsohne kann man diesen Roman von Sarah Crossan als Kritik an der amerikanischen Justiz lesen, als Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit, Schuld und der Unmenschlichkeit einer Gesellschaft. Denn schließlich wird Ed Moon zu Unrecht zum Tode verurteilt. Und ja, dieser Erzählstrang erzählt von der Angst vor dem Tod, von Ungerechtigkeit und der schalen Hoffnung, dass das Urteil durch einen Gnadengesuch des Gouverneurs oder des Präsidenten abgewendet wird. Einer Hoffnung, die sich nicht erfüllt, denn Ed wird hingerichtet in Texas, dem Hinrichtungsstaat Nummer eins. Emotional gefesselt ja, zum Weinen gebracht hat mich aber eine viel tieferliegende Ebene. Ed Moon würde alles wieder genauso machen, auch wenn es ihn letztlich nicht in die von ihm so erhoffte Freiheit geführt hat. Dies schreibt er in seinem letzten Brief an seinen Bruder Joe (siehe Kasten).
Leseprobe
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Wisst ihr,
ich schätze, hier sitzen Leute, die jede Menge Dinge
bereuen,
aber ich habe nicht viele.
Ich bin hier, weil ich es satthatte festzusitzen,
und das hat bloß nicht hingehauen,
aber ich kann nicht behaupten,
dass ich viel ändern würde,
nicht mal nach all dem, was passiert ist.
Also,
macht all die Sachen, die ihr wollt,
selbst wenn euch jemand versucht, euch die Tür zu versperren.
Lasst euch davon nicht unterkriegen.
Öffnet nachts die Hintertür
und lasst die Geräusche herein, oder zum Teufel,
ich weiß nicht, lauft, brecht aus, wenn ihr müsst.
Wenn das die einzige Art zu leben ist.
Und wenn irgendwer versucht, euch aufzuhalten,
sagt ihm, man kann niemandes Leben retten
außer dem eigenen.
[]
Al ist übrigens zurück.
Hoffentlich hat er gute Nachrichten.
Hoffnung. Ha!
Und die Sache ist die,
selbst wenn es keine guten Nachrichten sind,
ich bin zumindest frei.
Wir alle sind das.
In Liebe für immer. Für immer.
Euer Bruder Ed xx
(S. 343344)
Die Kraft, die aus diesen Briefzeilen spricht, wenige Augenblicke bevor Ed Moon getötet wird, ist die Kraft, die jeder von uns in sich entdecken muss, um sein/ihr Leben zu leben und am Ende sagen zu können: Ich würde es wieder so machen! Denn diese Liebe zum Leben kann durch die Todesstrafe nicht getötet werden. Der englische Originaltitel des Romans ist darum stimmiger: Moonrise. Es geht darum, dass Ed Moon durch den Tod in seinem Leben aufgeht und auch den Leserinnen und Lesern aufgibt, diese Liebe zum Leben für sich zu entdecken.
Zutiefst menschliche Figuren eröffnen Zugänge für den Leser
Die 1981 geborene Sarah Crossan hat ihren ganz eigenen Stil gefunden, die harten Themen anzugehen, ohne plakative Lehrstücke aus ihnen zu formen. In Versform, die Crossan seit Der Sprache des Wassers (2012) nutzt, eröffnet sie einen Raum, der das Nichtfassbare und Schwererklärbare erlebbar macht. In schnörkellosen und reimlosen Versen sagt sie das Notwendige und überlässt die Lücken den Leserinnen und Lesern.
Zu einer Überforderung bei Jugendlichen führt dies darum nicht, weil die Figuren einen Zugang eröffnen. Sie sind alle in ihren emotionalen Ausnahmezuständen und ihrem Bemühen zu leben, rund und komplex gestaltet. So gelingt es Crossan, verständnisvoll das Menschliche in...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 284 / 2020

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 9-11