Jochen Heins

Abgefahren: Ein skurriler Selbstfindungsroadroman

Jochen Heins

Pope, Dirk: Abgefahren.München: Hanser 2019, 240 Seiten, 15 €.
Aus der biografischen Lesesozialisationsforschung wissen wir, dass es im Übergang zum Jugendalter bei vielen jungen Leserinnen und Lesern zu einer Lesekrise kommt. Was es in dieser Phase braucht, sind Lesestoffe, die den veränderten Bedürfnissen entgegenkommen. Dirk Popes Abgefahren ist ein solcher Lesestoff: ein skurriler, abenteuerlicher Selbstfindungsroadroman, der ästhetischen Lesegenuss verspricht.
Leseprobe
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Es ist die Stunde null. Parallelschaltung im Universum, für wenige Sekunden. [] Irgendjemand muss den Stecker gezogen haben. Blackout. Reset. Ein gigantisches Zahlenwerk gerät schlagartig in den Sog einer ovalen Null. Wie das Wasser in einer entstöpselten Badewanne. Höchstleistungen werden annulliert, Erinnerungen gelöscht. Sünden sind vergessen, Urinstinkte sind gereinigt von Zivilisationskrankheiten. [] Nicht einmal seinen Atem kann Viorel in der Stille hören. Kein Mucks. Es ist beängstigend und befreiend zugleich. (S. 79 – 80)
Seinen Anfang nimmt die Geschichte bei Kilometer 279. So weit ist der 17-jährige Viorel bereits von Essen entfernt. Es folgen noch 2251 weitere Kilometer, bis er in Sfântu Gheorghe am Schwarzen Meer in Rumänien ankommt. Im Kofferraum des alten Opel Corsa: seine tote Mutter. Einen offiziellen Überführungsschein hat er nicht und einen Führerschein auch nicht. Aber 300 €. Die müssen reichen, um seine Mutter in ihrer Heimat, in die sie immer zurückwollte, zu begraben dort, in Siebenbürgen (oder Transsilvanien).
Während Viorel am Tod seiner Mutter keine Schuld trägt, sieht die Sache beim zweiten Toten anders aus. Etwa bei Kilometer 300 nimmt Viorel einen Anhalter auf:
„Schwarze Hose, schwarzer Mantel mit silbernen Manschetten und schmalen Epauletten []. Den Kragen hochgestellt. Trotz Dauerregen besitzt er weder einen Schirm noch einen Hut oder eine Kapuze, offensichtlich. Über der Schulter trägt der Fremde einen übergroßen schwarzen Seesack. Bis auf die bleiche Haut ist alles schwarz an ihm. Düster. (S. 13)
Bizarre Begegnungen
Richtig gruselig wird es, als der Anhalter anfängt, von rumänischen Mythen zu berichten, als er Viorel über die Blutgräfin Báthory und Graf Dracula in Kenntnis setzt und sein reiches Wissen über Untote auszubreiten beginnt. Immerhin kennt er einen Trick gegen den Leichengeruch im Wagen: Watte oder wahlweise eine Socke in den Hals stopfen. Als Leser ahnt man, dass hier ein Vampir auf dem Beifahrersitz gelandet ist.
Aber dann kommt es ganz anders: Kaum in Ungarn angekommen, in der Nähe von Györ, wird der Anhalter mitten in der Nacht beim Aussteigen von einem Lastwagen erfasst. Und nur wegen einer ungeschickten Bewegung von Viorel.
Um Ärger mit der Polizei zu vermeiden, steckt er den Anhalter in den Seesack und fährt mit zwei Leichen im Gepäck weiter quer durch Osteuropa. Es folgen noch weitere bizarre Begegnungen „on the road: so z. B. eine Verfolgungsjagd, bei der die Leiche des Anhalters verschwindet.
Roadroman mit viel Einfühlungsvermögen
Dirk Popes Buch lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Roadroman handelt. Eine literarische Gattung, die sich nicht zuletzt seit Herrendorfs Tschick großer Beliebtheit in der Jugendliteratur erfreut. Das Motiv der Reise jugendlicher Protagonisten, meist verbotenerweise, nimmt das Gefühl der Suche überzeugend auf, das viele Jugendliche empfinden. Eine Suche, an deren Ende sich die Protagonisten selbst finden. Was Pope erzählt, ist nicht unbedingt neu, dafür aber abgefahren, auf der Ebene des Dargestellten und der Darstellung. Pope gelingt es, die chaotische Lebenssituation von Viorel mit viel Einfühlungsvermögen und großer Ernsthaftigkeit zu erzählen.
Man nimmt für 2500 Kilometer Anteil an den Gedankenfolgen von Viorel, die seine Situation plastisch werden lässt. Streckenweise rutschen die Gedankenketten aus kurzen assoziierten Sätzen in einen reflektierenden...

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aus: Praxis Deutsch Nr. 280 / 2020

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