Kommentar

Gerechtigkeit für Peter Handke

Zum Umgang mit dem Nobelpreisträger im Deutschunterricht
Der Name Peter Handke steht für ein umfangreiches literarisches Werk. Seit dem Theaterstück Publikumsbeschimpfung, mit dem ihm 1966 der literarische Durchbruch gelang, hat dieser Autor bis heute um die 80 Romane, längere Erzählungen und Theaterstücke publiziert. Hinzu kommen Filmdrehbücher, Hörspiele, Gedichtsammlungen und Essays.
Gemessen an der Produktivität und dem hohen Bekanntheitsgrad Handkes spielt sein Œuvre im Deutschunterricht eine geringe Rolle. Zwar gibt es keine exakten Daten über die Häufigkeit des dortigen Umgangs mit Gegenwartsautoren, doch vorliegende Untersuchungen und Erfahrungen von Schulbuchverlagen sprechen dafür, dass es in deutschen Schulzimmern eher randständig geblieben ist (in Handkes Heimatland Österreich mag das anders sein). Immerhin tauchen Titel wie Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970) oder Wunschloses Unglück (1972) gelegentlich auf den Lektürelisten einzelner Bundesländer auf. Wie diese gelungenen Prosatexte halte ich vor allem sein frühes Theaterstück Kaspar (1967) zumindest in Auszügen für den Unterricht geeignet. Hier wird die Abrichtung des Individuums zum Gesellschaftswesen im Prozess des Spracherwerbs auf eindringliche Weise beschrieben. Doch hat es keiner der erwähnten Texte, ganz zu schweigen von den späteren Prosa- und Theaterarbeiten Handkes, geschafft, in Deutschland zu einer überdurchschnittlich erfolgreichen Schullektüre zu werden.
Ob das mit Handkes mehr als fragwürdigem Auftreten im Zusammenhang mit dem Jugoslawien-Konflikt, z.B. seiner Teilnahme an der Beerdigung von Miloševic´1, zu tun hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Da sich sein Erfolg als Schulautor aber auch schon vor den dortigen Ereignissen (also in den 1970er- und 1980er- Jahren) in Grenzen hielt und das trotz seines Images als erster deutschsprachiger Popliterat, erscheint mir eine andere Ursache wahrscheinlicher. Sie könnte darin bestehen, dass der hohe Ton mancher seiner Prosatexte vielen Deutschlehrerinnen und -lehrern, die bei ihrer Textauswahl ja die Lektürepräferenzen ihrer Schüler berücksichtigen müssen, eher suspekt ist. In dem für sein dichterisches Selbstverständnis maßgeblichen poetologischen Text Die Lehre von Saint-Victoire (1980) beschreibt er eine Wanderung zu dem gleichnamigen Berg in Südfrankreich, den Paul Cézanne im Alter immer wieder gemalt hat, um die künstlerische Abbildung der Natur in ihrer wahrhaftigen, originären Form zu perfektionieren. In gleicher Weise sieht Handke sein Ziel darin, Einsicht in das von den Wechselfällen der Zeit unberührte „Wesen der Dinge zu schaffen. Bertolt Brecht, der für ein konträres Kunstverständnis steht und den Handke schon früh als Antipoden seines eigenen benannt hat, hätte hier wohl von einer Emigration ins „Reich des Wohlgefälligen gesprochen. Kritiker haben Handke denn auch eine Sakralisierung der Poesie, eine pathetische Beschwörung der Kunst vorgeworfen, die er in seinen Werken nicht einlösen könne.
Indem man solche Vorwürfe wiederholt, wird man Handke aber nicht gerecht. Bei aller Kritik an seinem öffentlichen Auftreten kann man ihn als „Autor hoher Wahrnehmungskraft (F. C. Delius) kennenlernen, wenn man sich auf die Lektüre seiner Texte einlässt. Ob man ihn dabei auch für die Schule entdecken wird, steht auf einem anderen Blatt.
Clemens Kammler
Anmerkung
1 Damit behaupte ich nicht, Handke habe in seinen Texten (Stichwort: „Gerechtigkeit für Serbien) die von serbischen Milizen begangenen Kriegsverbrechen geleugnet. Vgl. hierzu die aktuelle mediale Diskussion.
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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 278 / 2019

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