Ute Neuburg

„Ihr könnt nie wirklich wissen, was kommen wird.“

Abb. 4: Eine von Kindern umgebene, dem Aussehen nach puppenähnliche Großmutterfigur übernimmt die Rolle der Geschichtenerzählerin. Sie tritt zu Beginn und am Ende des Buches auf.
Abb. 4: Eine von Kindern umgebene, dem Aussehen nach puppenähnliche Großmutterfigur übernimmt die Rolle der Geschichtenerzählerin. Sie tritt zu Beginn und am Ende des Buches auf., © Roberto Innocenti/Aaron Frisch: Das Mädchen in Rot. © 2013 Gerstenberg Verlag, Hildesheim

Ute Neuburg

Ist das Böse wirklich böse? Das Mädchen in Rot von Roberto Innocenti

Das Mädchen in Rot ist mehr als nur eine zeitgenössische Version von Rotkäppchen. Die eindrucksvollen Bilder, die Erweiterung der Handlung um eine neue Erzählebene und die Darstellung des Bösen in seiner Vielschichtigkeit bieten unterschiedliche Ansatzpunkte für eine intensive Auseinandersetzung mit der Lektüre.

„Geschichten sind wie Wolken am Himmel. Sie können sich verändern, Regen bringen und euch ohne Mantel erwischen. Wie sehr ihr auch Ausschau haltet, ihr könnt nie wirklich wissen, was kommen wird. (Innocenti, Frisch 2013, S. 2)1 Mit diesen Worten beginnt die Geschichte von Sophia, dem Mädchen in Rot, das sich im Auftrag ihrer Mutter auf den Weg zu ihrer Großmutter begibt. Ihr Weg führt sie mitten hinein in die Großstadt in eine anonyme und unübersichtliche, gleichzeitig aber auch aufregende und faszinierende Umgebung. Hier begegnet sie verschiedenen Figuren, einige wirken auf sie bedrohlich, andere hilfsbereit. Letztendlich jedoch vertraut sie dem Falschen, was ihrer Großmutter und ihr zum Verhängnis wird.
Das Mädchen in Rot
Das Mädchen in Rot
Das erstmals 2012 in englischer Sprache veröffentlichte Bilderbuch von Roberto Innocenti (Bild und Konzeption) und Aaron Frisch (Text) erschien 2013 in deutscher Übersetzung. Es erzählt die Geschichte von Sophia, einem jungen Mädchen in rotem Kapuzenmantel, das sich mit verschiedenen Aufmerksamkeiten auf den Weg zu ihrer kranken Großmutter begibt. Diese wohnt am anderen Ende der Stadt und so muss Sophia quer durch die Großstadt gehen vorbei an mehreren düster und bedrohlich erscheinenden Plätzen. Abgelenkt von den vielen Eindrücken, verirrt sie sich und wird mit einer aggressiven Jungengruppe konfrontiert. Aus dieser brenzligen Situation rettet sie ein scheinbar hilfsbereiter Mann. Dankbar nimmt Sophia sein Angebot an, sie mit seinem Motorrad zu ihrer Großmutter zu fahren. Unter einem Vorwand setzt er sie auf halber Strecke ab und Sophia muss den Rest des Weges allein zu Fuß zurücklegen. Müde und erschöpft erreicht sie ihr Ziel den Wohnwagen ihrer Großmutter, nicht ahnend, dass der vermeintlich freundliche Motorradfahrer bereits dort auf sie wartet
Roberto Innocenti wurde 1940 in der Nähe von Florenz geboren. Er ist Autodidakt, besuchte nie eine Kunstschule. Mit 18 Jahren ging er nach Rom und arbeitete in einem Zeichentrickstudio. Innocenti illustrierte unter anderem auch eine Ausgabe von Nußknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann.
Bereits diese kurze inhaltliche Zusammenfassung des Bilderbuchs lässt gewisse Analogien zum Märchen Rotkäppchen erkennen sowohl hinsichtlich des Handlungsablaufs, der Thematik als auch der Figurenkonstellation. Das aus dem gleichnamigen Märchen bekannte Rotkäppchen wird zum Mädchen in Rot, der Wald erscheint als Metropole und der Wolf wird durch einen Motorradfahrer personifiziert. Innocenti belässt es aber nicht bei einer Ver- bzw. Abwandlung der wesentlichen Elemente des berühmten Märchens in die heutige Gegenwart, sondern ergänzt seine Geschichte um einige Besonderheiten und entwickelt sie dadurch zu einer eigenen, tiefgründigen und spannenden Lektüre.
Als eine wesentliche und im Vergleich zum ursprünglichen Märchen besonders auffällige Erweiterung zählt das Hinzufügen einer Rahmenhandlung und somit zweiten Erzählebene. Eine von Kindern umgebene, dem Aussehen nach puppenähnliche Großmutterfigur übernimmt die Rolle der Geschichtenerzählerin, die zu Beginn und am Ende des Buches auftritt. Auf den märchentypischen Einstiegssatz „Es war einmal …“ verzichtet Innocenti und lässt stattdessen die Großmutter erzählen. Mit dieser Szene distanziert sich Das Mädchen in Rot insbesondere auf der Bildebene deutlich vom typischen Märchenbilderbuch, da sich die Großmutter mit den Kindern in einem düsteren und bedrückend wirkenden Kinderzimmer aufhält. Das Bild weist eine besondere Verdichtung offensichtlicher und...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 261 / 2017

Das Böse

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 4-6