Mit Literatur auf vielfältige Weise alle ansprechen

Was ist wichtig beim Handlungs- und Produktionsorientierten Literaturunterricht?

Die Handlungs- und Produktionsorientierung ist als Methode für den Literaturunterricht nach wie vor aktuell. Sie hat viel Potenzial, unterliegt jedoch stets auch der Gefahr der Verselbstständigung. Worauf kommt es an bei der Methode? Der Beitrag erläutert den funktionalen Charakter für das Textverstehen sowie die kommunikativen Möglichkeiten.

Handlungs- und Produktionsorientierung im Literaturunterricht
Viele Türen - welcher Zugang ist richtig? © Good Studio/stock.adobe.com

Ziel: Literatur soll auf vielfältige Weise alle ansprechen

Handlungs- und Produktionsorientierung hat an Aktualität und Potenzial für den Literaturunterricht nichts eingebüßt. Sie ist als Plädoyer dafür zu verstehen, den Umgang mit literarischen Texten nicht mehr nur unter einem kognitions-wissenschaftlichen Lesebegriff zusammenzufassen. Erkenntnis und Wissen und damit die Wortgewandten und Schnellen sollen den Unterricht nicht mehr dominieren. Die sinnliche Seite von Literatur soll nicht länger vernachlässigt werden und der objektive Erkenntnisgewinn beim Lektüreprozess einem subjektiven weichen. Literatur soll auf vielfältige Weise alle ansprechen.

Aktualität und Gefahr der Verselbstständigung

Die Medialisierung hat den Unterricht ebenso verändert wie Kompetenzorientierung und Standardisierung. Heterogenität und Inklusion erfordern, den Unterricht so auszurichten, dass er den vielfältigen Lernvoraussetzungen der Lernenden gerecht wird. Vor diesem Hintergrund ist die Methode der Handlungs- und Produktionsorientierung aktueller denn je. Entscheidend ist dabei allerdings, dass sich die Methode als solches nicht verselbstständigt. So wird mitunter geschnippelt, geklebt, verfilmt und weitergeschrieben zu reinem Selbstzweck, für den Texte das Stichwort liefern. Dabei wird bisweilen vernachlässigt, dass eine Methode stets am Gegenstand und den mit ihm verfolgten Lernzielen ausgerichtet sein sollte. Mitunter wird außer Acht gelassen, dass Kreativität das Textverstehen fördern soll und sowohl der Prozess als auch die erarbeiteten Produkte reflektiert werden müssen.

Unterrichtseinheiten zum Handlungs- und Produktionsorientierten Literaturunterricht

Wie Sie die Handlungs- und Produktionsorientierung direkt im Literaturunterricht umsetzen können, erfahren Sie in den folgenden Beiträgen, die über unser Angebot Friedrich+ Deutsch abrufbar sind:

An Lernzielen ausrichten

Wichtig ist es, die dienende Funktion der Methode im Rahmen des Unterrichtsprozesses herauszustellen. Ausgerichtet auf einen konkreten Text bzw. dessen besondere Merkmale und daraus abgeleitete Ziele kann die Handlungs- und Produktionsorientierung wertvolle Werkzeuge bereitstellen, um das Textverstehen zu fördern. Von herausgehobener Bedeutung ist darüber hinaus eine sinnvolle und sinnstiftende (Anschluss-)Kommunikation, in der sowohl der Prozess wie auch die Produkte der Erarbeitung reflektiert werden. Die folgenden Fragen können dabei helfen Textarbeit, Lernprozess und Methoden sinnvoll zu strukturieren und auszuwählen:

Fragen, die im Vorfeld der Textarbeit geklärt werden sollten

  • Was macht den Text aus? Was macht ihn besonders?
  • Was soll an dem Text / mit dem Text / über den Text konkret gelernt werden?
  • Wie lässt sich der Lernprozess sinnvoll gestalten und strukturieren?
  • Wie lassen sich die Charakteristika und Besonderheiten des Textes methodisch am besten erkennen/nachvollziehen/empfinden?

Handlungs- und Produktionsorientierung und neue Medien

Die neuen Medien bieten neue und zum Teil effizientere Möglichkeiten, handlungs- und produktionsorientiert zu arbeiten (siehe Übersicht), bergen jedoch auch die Gefahr der medialen Verselbstständigung. Insbesondere Smartphones und Tablets lassen sich als synästhetische Handlungsmedien einsetzen, um mit wenig Aufwand flüchtige Ergebnisse wie zum Beispiel szenischen oder akustischen Umgang mit Texten zu konservieren oder auch zu bearbeiten. Darüber hinaus kann man auf Plattformen der social media literarische Handlungs- und Kommunikationsformen simulieren und inszenieren, die eng an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler angelehnt sind und damit eine Relevanz versprechen, die über das berühmte Verfassen eines Beitrags für die Schülerzeitung hinausgehen.

Übersicht über mögliche Verfahren der Handlungs- und Produktionsorientierung (mit eher hybriden Kategorien und fließenden Übergängen)

Handlungsorientierte Verfahren

Durch praktisches, selbsttätiges Handeln und aktiven Gebrauch der Sinne bestimmter Umgang mit gegebenen Texten

Produktionsorientierte Verfahren

Produktives (meist schreibendes) Erzeugen von Texten, Textteilen oder Textvarianten

Szenische Verfahren

Vor allem unter Einsatz von Bewegung, Gestik und Mimik werden Textaspekte dargestellt. Wichtige Methoden sind szenische Lesung, Standbild, Pantomime, szenische Interpretation, Puppenspiel, Schattenspiel und szenisches Rollenspiel.

Konkretisation

Nicht explizit gegebene Informationen (Leerstellen) eines Textes werden aus dem Kontext erschlossen. Wichtige Methoden sind Tagebucheintrag, Stream of Consciousness/innerer Monolog, Verfassen eines Anfangs / Schlusses, Brief aus Figurenperspektive und Ausgestaltung von Ort / Zeit / Figuren / Handlung.

Akustische Verfahren

Texte oder Textstellen werden sprachlich und / oder klanglich / musikalisch dargestellt­ oder untermalt. Wichtige Methoden sind sinnbetonter Vortrag, Vertonung (Hörbuch, Hörspiel), Klangcollage, musikalische Untermalung und Feature.

Transformation

Inhalte oder ästhetische Besonderheiten werden aktiv verändert, zum Beispiel indem sie aktualisiert oder in eine andere Textsorte umgewandelt werden. Wichtige Methoden sind alternative Textpassagen verfassen, Perspektivenwechsel, Ändern der Textsorte, Aktualisierung, Gegentext und Paralleltext.

Visuelle Verfahren

Der Text oder Textteile werden (typo-)grafisch  oder  bildhaft dargestellt oder illustriert­. Wichtige Methoden sind Variation von Schreib- und Druckform, Bilder / Bildcollagen zum Text, Illustration und Literaturzeitung.

Restauration

Der nicht vollständige Primärtext wird möglichst originalgetreu wiederhergestellt. Wichtige Methoden sind lückenhafte Texte, Gedicht zu Überschrift verfassen und Text aus Reizwörtern verfassen.

Audio-visuelle Verfahren

Texte werden in Kombinierung der o.g. Verfahren für Videoproduktionen inszeniert. Wichtige Methoden sind Filmtrailer, Verfilmung und Figurencasting.

Rekonstruktion

Der nicht vollständige Primärtext wird unter Verwendung seiner Einzelteile möglichst originalgetreu wiederhergestellt. Wichtige Methoden sind lückenhafte Texte mit Wortspeichern, Texte entflechten und Zerteilte Gedichtzeilen oder Strophen zusammenfügen.

Synästhetisch-multimediale Verfahren

Im Kontext der neuen Medien lassen sich heute viele der oben genannten Verfahren und Methoden miteinander kombinieren, digital umsetzen und ggf. auch publizieren. Dabei verschwimmt mitunter die starre Trennung von handlungs- und produktionsbasierten Verfahren.

Fakten zum Artikel
  • Thema: Deutsch, Literatur
  • Autor/in: Tilman von Brand | Redaktion

Unterrichtseinheiten zum Handlungs- und Produktionsorientierten Literaturunterricht

Handlungs- und Produktionsorientierung direkt im Literaturunterricht umsetzen mit folgenden Beiträgen, die über unser Angebot Friedrich+ Deutsch abrufbar sind:

Mit Skizzen, Rollenspiel und einem Kurzfilmprojekt für Textverstehen und Perspektivenübernahme sorgen

Produktionsorientierte Schreibaufgaben zu der Erzählung Frösche im Meer von Tanja Maljartschuks

Faktualität und Fiktionalität durch handlungs- und produktionsorientierte Verfahren ausloten mit Juli Zehns Unterleuten