Christian Gegner

Gutes Vorlesen heißt, eine Geschichte für das Publikum zum Leben zu erwecken. Aber wie soll das gehen?

Christian Gegner

Jedes Jahr bereiten sich viele Schüler auf den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen vor. Bewertet werden die Lesetechnik, die Interpretation und die Textstellenauswahl. Aber wie gelingt es, den gewählten Text so vorzulesen und zu interpretieren, dass tatsächlich ein Kino im Kopf des Publikums entsteht? Sowohl das Kinderradio des Bayerischen Rundfunks als auch Profisprecher wie Rufus Beck geben viele nützliche Tipps und Hinweise, was gutes Vorlesen ausmacht (vgl. http://www.vorlesewettbewerb.de). Wie Sie auch und besonders sprachlich schwächere Schüler Schritt für Schritt auf den Vorlesewettbewerb und auch auf andere Vorlesesituationen vorbereiten können, zeigt dieser Artikel.
Beim Vorlesen und Vortragen von Texten kommt es auf das Zusammenspiel von drei zentralen Kompetenzen an: die Textkompetenz, die Sprechkompetenz und die Sozialkompetenz (vgl. Müller 2012, S. 142 f.). Während Textkompetenz das Verständnis und auch eine geeignete Interpretation des Textes meint, bezieht sich die Sozialkompetenz auf die Berücksichtigung des Publikums und dessen Bedürfnisse (z.B. Vorkenntnisse, akustische Verständlichkeit etc.). Die Sprechkompetenz übernimmt zwischen Text und Publikum eine Art Vermittlerrolle, um die eigene Interpretation des Textes über den bewussten Einsatz von prosodischen (= stimmlich-sprecherische Mittel) und artikulatorischen Mitteln (vgl. Neuber 2016, S. 213 f.) dem Publikum anzubieten. Neben flüssigem Vorlesen (grundlegende Sprechkompetenz) sind hierunter vor allem sprechgestalterische Fähigkeiten und Fertigkeiten gemeint. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, besonders bei DaZ-Schülerinnen und -Schülern genau abzuwägen, inwieweit diese Kompetenzen bereits ausgeprägt sind, damit sich die Teilnahme am Vorlesewettbewerb motivationsfördernd gestaltet.
Gelingt es, die eigenen Vorstellungen von der im Text beschriebenen Handlung und Szenerie in den Köpfen des Publikums zum Leben zu erwecken, ist das Ziel erfüllt. Wie im Vorlesewettbewerb als Textgrundlage ein ca. dreiminütiger Ausschnitt aus einem Kinder- oder Jugendbuch vorgesehen ist, beziehen sich die folgenden Tipps vor allem auf Prosatexte, die auch für bestimmte lyrische Texte wie Balladen adaptiert werden können. Grundsätzlich gilt es jedoch, bei lyrischen Texten aufgrund der sprachlichen Verdichtung und der metrischen Bindung noch weitere Punkte zu berücksichtigen. Ebenso stellen Sachtexte oder auch Nachrichtentexte an Leser und damit Sprecher andere Anforderungen.
Eine Textinterpretation aufbauen und den Text für das Vorlesen vorbereiten:
Grundsätzlich sollte eine Textstelle von ca. drei Minuten Länge gewählt werden, die spannend und abwechslungsreich ist (z.B. unterschiedliche Figuren und deren Wechselreden beinhaltet) und hinsichtlich des Handlungsverlaufs gut nachvollziehbar ist. Auch wenn die Motivation, sich mit einem Text zu beschäftigen, grundsätzlich bei einem selbstgewählten Text höher als bei einem vorgegebenen ist, ist es dennoch sinnvoll, die eigene Wahl und das Textverständnis zu überprüfen. Im Klassenzimmer kann dies leicht im Rahmen eines Partnerinterviews mit dem Sitznachbarn erfolgen, in dessen Verlauf der Inhalt der Textpassage unter Berücksichtigung der gesamten Geschichte nacherzählt und die eigene Wahl begründet wird. In der anschließenden Diskussion helfen auch Interviewfragen wie:
  • „Warum hast du dich genau für diese Geschichte und diesen Auszug entschieden?
  • „Was findest du besonders spannend oder überraschend?
  • „Was möchtest du beim Vorlesen deiner Geschichte beim Publikum erreichen?
  • „Ist es nötig, dem Publikum für ein besseres Verständnis eine Vorgeschichte zum gewählten Auszug zu liefern?
Sind diese Fragen überzeugend beantwortet und die Wahl des Textauszugs bekräftigt, empfiehlt es sich, den Textauszug für die Vorbereitung und zum Üben zu kopieren, um Anmerkungen und Markierungen vornehmen zu können. Für einen ersten Überblick und zur Segmentierung sollen die Schüler die...
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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 61 / 2019

Leseförderung

Methode & Didaktik Schuljahr 5-7
  • Thema: Literatur
  • Autor/in: Christian Gegner