Gunhild Keuler und Regina Uhtes

Willkommen zwischen Scheintoleranz und Toleranz

Hübner, Lutz/Nemitz, Sarah: Willkommen. In: Wolfgang Reitzammer u. Klaus Will: Buchners Schulbibliothek der Moderne, Heft 41. Bamberg: C. C. Buchner 2018, 112 Seiten, 8 €.
Hübner, Lutz/Nemitz, Sarah: Willkommen. In: Wolfgang Reitzammer u. Klaus Will: Buchners Schulbibliothek der Moderne, Heft 41. Bamberg: C. C. Buchner 2018, 112 Seiten, 8 €., © C. C. Buchner Verlag

Gunhild Keuler und Regina Uhtes

Die Autoren von Frau Müller muss weg Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben mit dem Theaterstück Willkommen1 ein Gegenwartsdrama geschrieben, welches bezüglich der Frage nach Toleranz gute Anknüpfungspunkte zu Lessings Nathan der Weise bietet.

„Toleranz ist ein Begriff, dessen Bedeutung umso „diffuser wird, je mehr man sich um eine Klärung bemüht (Forst 2000, S. 119). Oft wird Toleranz als Dulden fremder Überzeugungen und Handlungsweisen verstanden. Dieses Geltenlassen fordert uns heraus, denn Toleranz bedeutet, Meinungen und Verhaltensweisen anderer anzuerkennen, die man für sich ablehnt.
Bei der bloßen Duldung, die aufgrund einer Nutzenabwägung erfolgt (Ist mein Nutzen größer, wenn ich mich jetzt nicht mit dem Konflikt beschäftigen muss? Oder ist es mir sehr wichtig, den Konflikt zu regeln?), handelt es sich im eigentlichen Sinne nicht um tolerantes, sondern um scheintolerantes Verhalten. Erst wenn ich versuche, den Konflikt gewaltfrei auf der Basis der wechselseitigen Anerkennung des gleichen Rechts auf freie Entfaltung und des Respekts im Dialog und in der Auseinandersetzung zu lösen, handle ich tolerant.
Dabei muss immer wieder eine Balance zwischen vollständiger Ablehnung und vollgültiger Akzeptanz gesucht werden. Grenzen und Reichweite der Toleranz sind auszuloten, denn Diskriminierung und Gewalt dürfen nicht toleriert werden. Popper spricht sogar vom „Paradox der Toleranz (Popper 1980, S. 359), demzufolge eine uneingeschränkte Toleranz die Toleranz selbst zum Verschwinden brächte. Daher solle man „im Namen der Toleranz das Recht [] in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden (ebenda).
Tolerantes Denken und Handeln zielen darauf ab, mit der Ambiguität und der Vielfalt unseres Lebens klarzukommen. Toleranz begreift sich als Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, und zwar nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Dabei handelt es sich um einen unabschließbaren Prozess, ein stetes Suchen und Ringen um eine angemessene Haltung mit Blick auf die Frage, „was fremd ist und latent überfordert (Peters 2011, S. 16 –19). Dazu bedarf es Anstrengung, Ehrlichkeit zu sich und anderen, Kommunikation und vor allem Zeit.
Das Bewusstsein für diese Herausforderung, die für unser gesellschaftliches Miteinander so existenziell ist, lässt sich in der Auseinandersetzung mit dem Gegenwartsdrama Willkommen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz anbahnen. Der Vergleich mit den Ideen der Toleranz in Lessings Drama Nathan der Weise birgt in einem zweiten Schritt die Lernchance, zu einem vertieften Verständnis dieser „anstrengenden Tugend (Thierse 2014) zu kommen.
Lernchancen des Schauspiels Willkommen in Bezug auf das Drama Nathan der Weise
Das Schauspiel Willkommen
Das Schauspiel Willkommen
Der Anglistikdozent Benny teilt seinen WG-Mitbewohnern mit, dass er eine Gastdozentur an der NYU in den USA angenommen hat. Er konfrontiert Jonas, Doro, Sophie und Anna bei einem gemeinsamen Abendessen mit der Idee, sein Zimmer für das Jahr Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen, vorausgesetzt alle seien damit einverstanden. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Jonas arbeitet als Betriebswirt bei einer Bank und ist noch in der Probezeit. Er sieht seine Ruhe und seinen Schlaf durch den Lärm einer Flüchtlingsfamilie gefährdet, will den Vorschlag aber nicht direkt ablehnen. Die Verwaltungsangestellte Doro hat aufgrund persönlicher Erfahrungen ein grundsätzliches Problem mit arabischen Männern und lehnt die Idee rigoros ab. Sophie, die Fotografin und Hauptmieterin, sieht einen möglichen Einzug als Bereicherung für sich und die anderen und überlegt, das Zusammenleben in einer Langzeitdokumentation zu begleiten. Die schwangere Studentin Anna, mitten im Examen, möchte das Zimmer für den Vater ihres Kindes. Noch ist nichts entschieden, die Figuren diskutieren ausgiebig.
Als der Kindsvater auftaucht, wird die...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 283 / 2020

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Friedrich+ Kennzeichnung Abitur & Prüfung Schuljahr 12-13
  • Thema: Literatur
  • Autor/in: Gunhild Keuler | Regina Uhtes