Projekt Weltverbesserung – Realität oder Fiktion?

Realität oder Fiktion? Bei diesen Fotos der Hängebrücke an der Olpererhütte im Zillertal schafft der Bildausschnitt (großes Foto) die Illusion.
Realität oder Fiktion? Bei diesen Fotos der Hängebrücke an der Olpererhütte im Zillertal schafft der Bildausschnitt (großes Foto) die Illusion. , © marlenesleben
Das Spiel mit Realität und Fiktion ist ein zentraler Aspekt aktueller Literatur. Verlage nutzen autobiografische Momente zur Vermarktung von Romanen, Literaten verweben historische, politische und persönliche Ereignisse mit ihren Figuren. Aber die Suche nach der Grenze von Realität und Fiktion ist nicht zielführend bei der Lektüre. Sie führt in die gleiche Sackgasse wie die Entschlüsselungslisten, die es schon zu den Figuren aus Thomas Manns Die Buddenbrooks (1901) gab, oder die (schulischen) Umgangsweisen mit dem Werk Kafkas, die oft einem Suchspiel nach biografischen Splittern gleichen.
Fließende Grenzen zwischen Realem und Fiktionalem
Das fiktive Interview, das Leif Randt im Rahmen der Essay-Reihe Projekt Weltverbesserung im Deutschlandfunk veröffentlichte, verwebt kunstvoll Fiktionales mit Realem und lotet dabei auch aus, welche Versionen von Zukunft in unserer Gesellschaft denkbar sind. So wird Fiktionales zu Möglichem und zugleich erscheint Reales dystopisch wie eine Fiktion. Die Grenzen sind fließend und nicht trennscharf.
Die erste Frage des Interviews führt zur Darstellung des Gründungsmythos de Infinite Data Studios, der von der Figur Sander Böhm erzählt wird. Dieser Mythos folgt einem typischen Narrativ realer Start-up-Unternehmen, in deren Selbstdarstellung Erweckungserlebnisse der Gründer oft eine wichtige Rolle spielen. Die Erzählung wirkt realistisch, da sie an Welterfahrungen der Rezipienten anknüpft, zum Beispiel wenn man im Urlaub kurzzeitig von der gewohnten Vernetzung abgeschnitten ist. Zugleich weist die Figur Böhm jedoch darauf hin, dass es vor allem um das Hervorrufen „positiver Assoziationen gehe. Auch die Ergänzungen der Figur Toni Fluid (Beschreibung der unkonventionellen Büroräume in der alten Käserei) folgt bekannten Start-up-Berichten.
Der Abschnitt zur Zusammenarbeit mit der Künstlerin Arabella Space verweist in der Fragestellung auf die spielerische Auslotung gesellschaftlicher Zukunftmöglichkeiten, die der Text selbst vornimmt. Dabei unterstützt die Nennung des Ausstellungszeitraums sowie des realen Ausstellungsorts (Deichtorhallen) das Changieren zwischen Realem und Fiktivem. Zugleich zeigt die Antwort Toni Fluids, dass Zukunftsvisionen immer auch mit Setzungen zu tun haben, da die Künstlerin auf der „Skizzierung einer Talsohle bestanden habe. Der Verweis auf die Corona-Pandemie offenbart wiederum, dass hier die Realität die Fiktion überholt hat. Dinge, die vor Monaten noch ins Reich der Fiktion verwiesen worden wären, sind nun plötzlich Realität.
Zudem nimmt der Text die Monetarisierung aller Lebensbereiche in unserer Gesellschaft in den Blick. Die Beispiele (Entlohnung des Tragens eines Turnschuhs bzw. von freundschaftlichen Telefonaten) mögen zunächst grotesk überzogen wirken trotzdem beschleicht einen das Gefühl, dass diese Möglichkeiten nicht so sehr im Bereich des Fiktionalen liegen, wie man es sich wünschen würde. Werden Fitnesskurse, defensives Fahren und Posts mit Markenprodukten nicht jetzt schon belohnt? Wie groß ist dann noch der Schritt zum Beschriebenen?
Hier liegt die Stärke von Randts Text: Das Fiktionale verwebt sich so nahtlos mit den Fransen der Realität, dass man als Rezipient ins Grübeln gerät. Zugleich werden die skizzierten Möglichkeiten nicht gleich verworfen oder verurteilt, sie werden kompromisslos optimistisch betrachtet. Einschränkend wird allerdings betont, dass die Diskrepanz von Intention und Inszenierung nicht zu krass werden darf oder ist das schon wieder das Spiel mit der viel beschworenenen Authentizität?
Vor der Auseinandersetzung mit dem Text an sich könnte die Frage stehen, welche journalistische Textform die Lernenden als besonders authentisch erachten. Schon die gewählte Form des Essays legt nämlich das Spiel mit Realität und Fiktion an: Interviews als direktes Gespräch mit einer Person gelten als besonders authentische Textform, da es sich (vermeintlich) um die reine Wiedergabe von Gesagtem handelt. Hinzu...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 284 / 2020

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 12-13
  • Thema: Literatur
  • Autor/in: Rasmus Frederich