In welchem Verhältnis stehen Haben und Sein?

Auf den ersten Blick lesen wir ein unterhaltsames Gedicht für junge Leserinnen und Leser über eine (vermeintliche) Lebensweisheit: „Hast du was dann bist du was. Die Gestaltung scheint simpel: Parallel gebaute Verse im immer gleichen, sich steigernden Spiel von Ursache und Wirkung, verknüpft durch die Wiederaufnahme des zweiten Verbs eines jeden Verses zu Beginn des nächsten. Dann die Steigerung in der zweiten Strophe durch das Ersetzen von „was durch „mehr“ – und eben ein Vers mehr. Dann die Pointe: Am Ende braucht man „überhaupt nichts mehr.
Ein schelmisches Gedicht im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die schlichte Form und die mangelnde Konkretion in Michail Krausnicks Spirale des Mehr-Haben-Wollens bewirken eine Komik mit Abgrund.
Was wir mehr wollen, wird nicht geklärt. Vielmehr wird ein menschlicher Wesenszug umrissen.
Wir, die direkt angesprochenen Leser, scheinen ein Leben der maßlosen Steigerung zu führen, dessen absurde Sinnlosigkeit am Ende hervortritt. Darüber kann man schmunzeln, aber auch verzweifeln.
Für Schülerinnen und Schüler bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, dieses Gedicht in Bezug zu ihrer eigenen Erfahrungswelt zu setzen: Dabei können sie eigene Bedürfnisse („Diese Schuhe brauche ich), Vorgänge in ihrem Umfeld (Schule, Familie) oder das Konsumverhalten unserer Gesellschaft insgesamt betrachten. Naheliegend ist aktuell natürlich auch ein Bezug zu den Zielen der „fridays fo future-Bewegung.
In jedem Fall bietet sich die Chance, hinter Alltagssituationen das Wesen des Menschen bzw. unseres Kulturraums zu entdecken. Dies öffnet auch den Blick für eine wichtige Funktion von Lyrik: die Selbstreflexion des Menschen über sein eigenes Dasein, Denken und Handeln. Dieser zentrale Aspekt des Literaturunterrichts kann in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden, vielmehr sollte er hier deutlich hervorgehoben werden.
Und auch die Lehrkraft kann sich bei diesem kleinen Gedicht selbstkritisch befragen: In welchem Verhältnis stehen Haben und Sein eigentlich in meinem Leben und Denken?
Rasmus Frederich
Hast du was dann bist du was
Hast du was dann bist du was
Fehlt dir was – dann brauchst du was
Brauchst du was – dann musst du was
Musst du was – dann tust du was
Tust du was – dann kriegst du was
Kriegst du was – dann bist du was
Bist du was – dann brauchst du mehr
Brauchst du mehr – dann musst du mehr
Mußt du mehr – dann tust du mehr
Tust du mehr – dann kriegst du mehr
Kriegst du mehr – dann hast du mehr
Hast du mehr – dann bist du mehr
Bist du mehr – brauchst du mehr mehr
Immmer immer immer mehr
Schließlich kannst du nimmer mehr
Und brauchst überhaupt nichts mehr
Krausnick, Michael: Hast du was dann bist du was. In: Hans Joachim Gelberg (Hg.): Überall und neben dir. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1986.

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 277 / 2019

Theodor Fontane

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 1-13