Sebastian Grab, Marcus Rübbe

„Fast genauso war es bei mir auch!“

Sebastian Grab, Marcus Rübbe

Kollegiale Fallberatung mehr als ein Gespräch unter Kollegen

Fallberatung in der örtlichen Realschule: Ich sitze nun seit gut einer Stunde mit meinen acht Kolleginnen und Kollegen im Lehrerzimmer und wir diskutieren den Fall Raphael! Ute, die Klassenlehrerin des Schülers, berichtete zu Beginn dieser Fallbesprechung sehr klar über diesen Fall und stellte die Frage nach weiteren Möglichkeiten, den Schüler speziell zu fördern. Schnell entwickelte sich unter uns ein reges Gespräch. Meine Situation als Fachlehrer wurde ebenso besprochen wie die schwierige familiäre Situation Raphaels. Brigitte und Klaus erzählten Beispiele aus anderen Fällen mit einer ähnlichen Geschichte und wir analysierten sehr genau den damaligen Verlauf.
Eine Stunde später wirkt Ute jedoch verwirrt und unzufrieden: „Was genau soll ich jetzt tun? Welche der vielen angesprochenen Möglichkeiten und Ratschläge soll ich nun umsetzen?
Unzufriedenheit mit Ratschlägen
Viele Konferenzen und Besprechungen laufen nach einem ähnlichen Muster: Ein Fall wird berichtet, eine Frage gestellt, viele Meinungen werden ausgetauscht und am Ende ist nicht klar, was das Ergebnis ist.
„Versuch doch mal das!
„Nein, das wird nicht funktionieren!
„Dann vielleicht das?
„Das wird auch nicht gehen …“
„Dann mach es ganz anders …“
„Nein dafür bin ich nicht der Typ!
Im Verlauf einer solchen Diskussion werden verschiedene Themen angesprochen und viele Ratschläge erteilt. Spannend zu beobachten ist die Emotionalität, die sich mit zunehmender Dauer der Besprechung verändert. Die Beteiligten schildern ihre Handlungen und Ideen und regen die Umsetzung an. Lehnt der Angesprochene die Ratschläge und Hinweise ab, weil „diese nicht passen, verbreitet sich schnell Unverständnis unter den Kollegen. „Bei mir hat es doch auch funktioniert! Versuch es doch zumindest mal!. Jeder hält an seinem Standpunkt fest und erklärt zum wiederholten Male die Hintergründe, warum die eigene Handlungsweise die beste ist. In diesem Moment gerät das Ziel der Besprechung aus dem Blick: Geht es um die Bestätigung der eigenen Meinung? Geht es um die Unterstützung des Ratsuchenden? Oder geht es um die Lösung im Sinne des Schülers?
Kollegialer Austausch ist keine kollegiale Fallberatung
Kollegiale Fallberatung ist kein Austausch
es ist eine nach klaren Regeln verlaufende Lösungssuche!
Beratung nach festen Regeln
Eine Beratung unter Kollegen als Austausch über den gemeinsamen Alltag ist wichtig und hilft dem einzelnen, eigene Handlungen abzuwägen, mit denen Anderer zu vergleichen oder sich Zuspruch und Unterstützung zu holen. Die Kollegiale Fallberatung als Methode geht jedoch ein Stück weiter. Sie strukturiert das Beratungsgespräch und fokussiert das Ergebnis auf Grundlage einer konkreten Zielsetzung: Es geht darum, den Ratsuchenden bei seiner Lösungsfindung zu unterstützen. Nichts mehr und nichts weniger! Es spielt keine Rolle, welcher Ratschlag der beste ist oder wer „Recht hat. Der Fallgeber und seine Suche nach der passenden Lösung stehen im Mittelpunkt.
Die Methode der Kollegialen Beratung ermöglicht eine klar strukturierte, transparente und ergebnisorientierte Gesprächsumgebung. Der Ratsuchende wird durch die Darstellung unterschiedlicher Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten unterstützt, eigene Lösungen zu erarbeiten und zu entdecken.
Die Kollegiale Fallberatung kann überall da eingesetzt werden, wo sich Personen zusammentun, die an der Findung einer Problemlösung mitwirken möchten. Die Phasen des Gesprächs lassen sich unterschiedlich benennen. Das Grundgerüst ist jedoch gleich: Eine Person der Fallgeber formuliert eine Frage zu ihrem Anliegen. Zu dieser nehmen die anderen Teilnehmenden die Berater mit unterschiedlichem methodischem Instrumentarium Stellung. Diese Stellungnahmen erfolgen nach festgelegten Regeln, mit zugeschriebenen Rollen und enden mit einem Fazit des Ratsuchenden, wobei der Fallgeber oft schon während...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 6 / 2016

Konferenzen – TOP vorbereitet?!

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13
  • Autor/in: Sebastian Grab, Marcus Rübbe