Christina Templin

Dornröschen reloaded

Abb. 1: Anhand des Filmplakats bilden die Lernenden Hypothesen zur inhaltlichen Bedeutungsverschiebung und Figurenzeichnung gegenüber der grimmschen Dornröschen-Version.
Abb. 1: Anhand des Filmplakats bilden die Lernenden Hypothesen zur inhaltlichen Bedeutungsverschiebung und Figurenzeichnung gegenüber der grimmschen Dornröschen-Version., © Bildanbieter: Photo 12 / Alamy Stock Foto, Fotograf: Walt Disney Pictures

Christina Templin

Gender in Grimms Dornröschen und Disneys Maleficent (2014) vergleichend untersuchen

Dornröschen wird in der grimmschen Fassung vor allem durch sein Schweigen und seine Schönheit charakterisiert. Dass das auch anders geht, zeigt die Disney-Verfilmung Maleficent. Anhand des Vergleichs von Text und Film erarbeitet die Lerngruppe, dass Geschlechterrollen historische Konstrukte sind und auf diese Weise die Lebenswirklichkeit prägen.

Märchen und Film
Ein Blick in die Populärkultur des 21. Jahrhunderts zeigt: Mediale Adaptionen von Märchen boomen. So unterschiedliche Formate wie Comics, Serien, Computerspiele und Memes verändern und erweitern Märchenhandlungen oder akzentuieren diese neu. Mehr noch: Ihre berühmten Protagonistinnen wie Schneewittchen oder Rotkäppchen finden sich gar in ganz neuen situativen Kontexten wieder. Besonders das Medium Film spielt bei der Transformation und Popularisierung von Märchenstoffen eine bedeutende Rolle (Zipes 2016, S. 56). Folglich sind es weniger die literarischen Märchentexte, die die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler prägen, sondern in erster Linie Filme der jüngsten Vergangenheit wie etwa Snow White and the Huntsman (2012). Dass die Disney Studios hierbei immer noch tonangebend sind, belegt ein Blick auf die Produktionslisten der letzten Jahre (Zipes 2010, S. xi). Dies ist insofern problematisch, als die Disney-Filme durch die Fortschreibung des klassischen Märchenkanons von Perrault, Grimm und Andersen den Blick auf die vielfältige Märchengeschichte verengen und zudem häufig das konservative Weltbild des weißen, bürgerlichen US-Amerikaners kultivieren. Patriarchale, homophobe und rassistische Filmwelten wie etwa in Enchanted (2007) sind hier keine Seltenheit (Pershing/Gablehouse 2010, S. 155).
Märchen und Gender
Im Zuge einer solchen „Disnification von Märchenstoffen (Pershing/Gablehouse 2010, S. 155) ist auch besonders die konventionelle und stereotype Darstellung von Gender kritisiert worden (Snowden 2010, S. 162). Hierbei geriet aber auch in den Blick, dass Disney nur das fortsetzt, was einst Perrault, Grimm und Andersen in ihren nunmehr klassischen Editionen von Märchenüberlieferungen durch starke Eingriffe in Handlungsführung und Figurenzeichnung begonnen haben: die Modellierung passiver, angepasster Heldinnen gemäß den sozialen Normen ihrer Zeit. Eine solche Einpassung von Figuren in die moralischen Logiken ihrer Entstehungszeit und die damit verbundene Tendenz, Frauen zum Schweigen zu bringen und in Nöten vorzuführen, zeigt exemplarisch die grimmsche Rotkäppchen-Version: Das selbstbewusste Mädchen der französischen Überlieferung, das dem Wolf entkommt, wird bei den Grimms zum passiven Opfer, das durch einen starken männlichen Helden gerettet werden muss (Snowden 2010, S. 170). Auch das grimmsche Dornröschen (1812) ist so eine passive Heldin, die neben ihrer Schönheit lediglich durch ihr Schweigen charakterisiert ist. Spricht sie in Perraults Version (1696) nach ihrem Erwachen den Prinzen provokant an („Ihr habt lange auf Euch warten lassen), so sind hier ihre geringen Sprechanteile nochmals unter Aussparung dieser Adressierung reduziert. Auch der von ihr empfangene Kuss als Ausweis ihrer sexuellen Verfügbarkeit ist eine Erfindung der Grimms (siehe zur Editionsgeschichte Uther 2013). Mit der Heirat ihres mutigen und zielstrebigen Retters am Ende der Geschichte erfüllt sie vorbildlich die normativen Ansprüche, die die Gesellschaft an sie stellt. In Grimms Dornröschen schlagen sich somit die polarisierten Geschlechterkonzeptionen des 19. Jahrhunderts nieder eine passive, schöne und empfangende Frau ist abhängig von einem aktiven, tapferen und durchsetzungsstarken Mann.
Maleficent der Film
Sind diese konventionellen Geschlechterbilder unter anderem von literarischen und filmischen Adaptionen einer Angela Carter (The Bloody Chambe, 1979) oder Catherine Breillat (La belle endormie, 2010) aufgebrochen worden, zeugen...

Friedrich+ Deutsch

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Deutsch!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Praxis Deutsch und Deutsch 5–10
  • Intuitive Benutzeroberfläche mit thematischer Struktur und intelligenter Suche
  • Jährlich über 100 neue didaktische Beiträge, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter, Lesetexte, Bildmaterial, Filmsequenzen, Methodenkarten, Lernplakate, Klausuren und vieles mehr

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Deutsch

Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 284 / 2020

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10