Katharina Böhnert

Die Professionalität des Bösen

Katharina Böhnert

Täterbiografie und Täterpsychologie in Robert Merles Der Tod ist mein Beruf

Die in ihrer Grausamkeit und Systematik unvorstellbaren Ereignisse der Shoah stehen nach wie vor exemplarisch für das Böse im 20. Jahrhundert. In der Auseinandersetzung mit der Täterfigur Rudolf Lang reflektieren die Schülerinnen und Schüler, inwiefern biografische Umstände das Böse im Menschen bedingen können und das Verüben einer bösen Tat zur „berufsbedingten Pflichterfüllung werden lassen.

„,Folglich, wenn es noch einmal getan werden sollte, würden Sie es wieder tun? Ich sagte energisch: ,Ich würde es wieder tun, wenn ich den Befehl dazu erhielte. Er sah mich eine Sekunde lang an, seine rosige Hautfarbe ging in ein lebhaftes Rot über und er sagte entrüstet: ,Sie würden also gegen Ihr Gewissen handeln. Ich stand stramm, sah geradeaus und sagte: ,Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie verstehen meinen Standpunkt nicht. Ich habe mich mit dem, was ich glaube, nicht zu befassen. Meine Pflicht ist, zu gehorchen‘“ (Merle 1952, hier 2014, S. 285).
Diese Textstelle steht am Ende von Robert Merles Der Tod ist mein Beruf .
Der Tod ist mein Beruf
Der Tod ist mein Beruf
La mort est mon métier, 1952 verfasst von Robert Merle, beschreibt das Leben des KZ-Kommandanten Rudolf Lang. Der Ich-Erzähler Lang beginnt bei seiner durch Bigotterie und Gefühlskälte gezeichneten Kindheit, gefolgt vom Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg bis zur Leitung der Konzentrationslager Auschwitzund Auschwitz-Birkenau. In der Darstellung Langs kennt dieses Leben keine bösen Absichten oder negativen Gefühle wie Hass oder Grausamkeit. Pflichterfüllung und Gehorsam sind die einzigen Motive, die Langs Handlungen leiten und somit sein Leben ausmachen. Die literarische Figur des Rudolf Lang wurde von Merle in enger Anlehnung an den realen Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, als Porträt eines Massenmörders aus blindem Gehorsam konzipiert. Höß leitete die Lager in Auschwitz von Mai 1940 bis November 1943 und war hier für die Ermordung von 1,5 Mio. Menschen verantwortlich. Aufgrund dieser Verbrechen wurde er 1947 bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Rudolf Höß inszenierte sich in Gesprächen mit psychologischen Gutachtern als reiner Befehlsempfänger.
Rudolf Lang wird in den Nürnberger Prozessen nach Art und Ausmaß der Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz befragt Fragen, auf die er ausführlich antwortet und sogar falsche Zahlen berichtigt („Ich bitte um Verzeihung, ich habe nur zweiundeinehalbe Million Menschen getötet, ebd., S. 287). Nach seinem Gewissen befragt, antwortet der Angeklagte, dass er sich keiner Schuld bewusst sei und die Tat jederzeit wieder verübte „wenn [er] den Befehl dazu erhielte (ebd., S. 285). Wie solle er auch Schuld an den massenhaften Tötungen tragen? Er habe nur seine Pflicht getan.
Merles Roman (1952 erschienen) warf bereits sieben Jahre nach Kriegsende und neun Jahre vor Hannah Arendts Berichten über den Eichmann-Prozess die Frage auf, was einen Menschen dazu bewegt, so unvorstellbar Böses zu tun wie die systematische Tötung von zweieinhalb Millionen Menschen. Beiden Darstellungsformen, Arendts Bericht und Merles Roman, liegen historische Personen zugrunde. Während Arendt sich mit Adolf Eichmann, dem Organisator der Deportation und Ermordung von über sechs Millionen Menschen, beschäftigt, gründet sich Merles Roman auf die historische Person des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Merle studierte akribisch Interviews mit Höß, die der amerikanische Psychologe Gustave Gilbert zum Zweck der psychologischen Begutachtung für die Nürnberger Prozesse angefertigt hat (vgl. Gilbert 1995). Im Anschluss daran verfasste Robert Merle jedoch keinen Bericht wie Arendt. Vielmehr schrieb er einen fiktionalen Text, der nur dem Anschein nach eine auf historischen Tatsachen beruhende Biografie ist. Dabei bemisst sich die literarische Qualität des Romans gerade durch dieses Spiel mit...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 261 / 2017

Das Böse

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13
  • Thema: Literatur
  • Autor/in: Katharina Böhnert