Clemens Kammler

Brecht gebrauchen

Dieter Mann und Jutta Wachowiak in der Szene Der Spitzel in Furcht und Elend des Dritten Reiches (TV-Produktion der DDR aus dem Jahr 1981, Regie: Ursula Bonhoff)
Dieter Mann und Jutta Wachowiak in der Szene Der Spitzel in Furcht und Elend des Dritten Reiches (TV-Produktion der DDR aus dem Jahr 1981, Regie: Ursula Bonhoff) , © picture alliance

Clemens Kammler

Bertolt Brecht, dessen Geburtstag sich am 10. Februar 2018 zum 120. Mal jährt, ist im Deutsch-unterricht seit Langem einer der am häufigsten gelesenen Autoren. Doch dominiert im Umgang mit seinem Werk nicht selten Routine. Das vorliegende Heft versucht, jenseits eingefahrener Pfade Möglichkeiten des Lernens von und mit Brecht aufzuzeigen. Dabei stehen nicht die hochgradig kanonisierten Dramen, sondern vor allem weniger bekannte Texte dieses Autors im Mittelpunkt.1

„Scheint unsere Zeit also alles nebeneinander möglich zu machen und scheint Brecht dadurch ein ‚veralteter, weil allzu ‚modischer Autor zu sein, so ist er gleichzeitig auch einer, der diesen Vorhang vor den Unterschieden unermüdlich offenhält, ihn sogar aufreißt, wenn er einmal von selber zuzugehen droht.
Elfriede Jelinek
Brecht gebrauchen heute?
Texte von Brecht2 finden sich in den Lesebüchern aller Jahrgangsstufen und im Zentralabitur gehören sie zu den Spitzenreitern unter den Pflichtlektüren.3 Im Deutschunterricht ist dieser Autor vermutlich auch heute noch das, was er bereits vor einem Vierteljahrhundert war: „der Schulklassiker Nr. 1 (Sauer 1994, S. 72).
Doch scheiden sich die Geister an keinem Klassiker der Moderne so sehr wie an Brecht. Wie kaum ein anderer Autor trat er für eine Ästhetik des Nützlichen ein. Seine Texte sollten einen Gebrauchswert haben, er wollte mit ihnen die Welt als veränderbar darstellen und so zu ihrer Veränderung beitragen. Aber sind sie zu diesem Zweck zu gebrauchen und sind sie es vor allem heute, über 60 Jahre nach seinem Tod noch?
In den Modellen dieses Heftes soll das gezeigt werden. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Brauchbarkeit brechtscher Texte für den Deutschunterricht sei es in thematischer, rezeptionsgeschichtlicher oder poetologischer Hinsicht. Brauchbar ist dieser Autor vor allem, wenn es darum geht, ein Wahrnehmen und Denken in Widersprüchen anzustoßen in einer Gegenwart, die an Widersprüchen kaum ärmer sein dürfte, als es seine eigene Zeit war.
Bertolt Brecht
Bertolt Brecht
Bertolt Brecht (1898 –1956), Schriftsteller und Regisseur, war einer der einflussreichsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 10. Februar 1898 als Sohn eines Fabrikdirektors in Augsburg geboren. 1919/1920 schrieb er Theaterkritiken für die Zeitung und verfasste seine ersten Stücke. Der Erfolg des 1922 in München uraufgeführten Stücks Trommeln in der Nacht brachte Brecht den Kleist-Preis ein. Bald darauf erhielt er einen Vertrag an den Münchner Kammerspielen. Er verkehrte viel mit Karl Valentin. 1924 übersiedelte er nach Berlin, wo er am Deutschen Theater arbeitete.
Während der Arbeit am Deutschen Theater bildete Brecht Schauspieler aus. 1932 durfte sein Stück Die Mutter nur unter Kontrolle der Polizei aufgeführt werden, der Film Kuhle Wampe wurde anfänglich verboten. Als Gegner des Nationalsozialismus ging Brecht im Februar 1933 ins Ausland. Zunächst lebte er in der Schweiz, im Dezember 1933 ließ er sich in Dänemark nieder, wo er mit Unterbrechungen bis 1939 lebte.
Über Schweden, Finnland und die Sowjetunion gelangte er schließlich 1941 nach Kalifornien (bis 1947). Er schloss u.a. Freundschaft mit Charlie Chaplin. In diesen Jahren entstand ein großer Teil seiner wichtigsten Werke.
1948 kehrte Brecht zunächst in die Schweiz, ein Jahr später nach Deutschland zurück. Er ließ sich in Ostberlin nieder und gründete zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, eine eigene Theatertruppe, das Berliner Ensemble. Er starb am 14. August 1956 in Berlin.
Zur Kritik an Brecht
Deutlich hat der Schriftsteller Peter Handke bereits 1972 seine Abneigung gegen Brecht in dem Essayband Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms formuliert. Schon dessen Titel liest sich wie ein Gegenprogramm zu Brechts Absicht, „aus dem Bereich des Wohlgefälligen zu emigrieren (GW 16, S. 662). Über Brecht heißt es dort: „Ich konnte ihn nie leiden, weder seine...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 266 / 2017

Brecht gebrauchen

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13