Karla Müller

Bedeutungsvolle Grenzüberschreitungen

Abb. 1: Die Überfahrt vom Diesseits zum Jenseits – hier in einem Gemälde von Joachim Patinier um 1510
Abb. 1: Die Überfahrt vom Diesseits zum Jenseits – hier in einem Gemälde von Joachim Patinier um 1510 , © akg-images / Erich Lessing

Karla Müller

Eine Sage aus den Wanderungen als Anlass für literarisches Lernen

In diesem Modell erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass literarische Texte bei der Gestaltung der Räume und Grenzen bestimmten Mustern folgen, ferner dass sie auf andere Texte und Vorstellungsbilder Bezug nehmen und anhand von Anspielungen Imaginationen und Stimmungen hervorrufen können, die dem Text zusätzliche Bedeutungen verleihen.

Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind bekanntlich eine Kombination verschiedener Textsorten, es mischt sich auf reizvolle Weise Gefundenes mit Erfundenem, Historisches mit Sagenhaftem. Die vorliegende Sage stammt aus Das Oderland (1863). Fontane beschreibt stimmungsvoll die abendliche Atmosphäre, in welcher er von einem örtlichen Führer zum Schlossberg der Uchtenhagens gefahren wird. Der Fremdenführer deutet in der hier ausgelassenen Stelle den großen Reichtum dieses schon 1618 ausgestorbenen Adelsgeschlechtes an. Ansonsten druckst er geheimnistuerisch herum, bis er schließlich doch die Sage, die sich um diesen Ort rankt, zum Besten gibt.
Fantastisches Erzählen und Grenzüberschreitung zwischen Räumen
Die Sage repräsentiert zahlreiche, für eine Ortssage typische, Gattungsmerkmale, die so offensichtlich sind, dass an dieser Stelle nicht weiter auf sie eingegangen wird, zumal sie nicht Gegenstand des Unterrichts sein sollen. Zugleich ist der Text ein Beispiel par excellence für ein bestimmtes Grundmuster fantastischen Erzählens und für die Semantisierung von Räumen. Die Handlung entfaltet sich als Grenzüberschreitung zwischen zwei oppositionellen Räumen, der primären, als real gesetzten, Welt der Lebenden (dem Haus des Böttchers), und der sekundären, fantastischen Welt der Toten, welche durch einen Fluss als Grenze getrennt sind (siehe Skizze in Material 2). Zwischen diesen Räumen gibt es einen transitorischen Bereich, nämlich den „Kirchhof, also den Friedhof an einer Kirche, welcher zwischen dem Wohnhaus und dem Fluss liegt, was peinlich genau beschrieben wird. Es handelt sich dabei also um einen in der Realität, der primären Welt, angesiedelten Raum, in welchem Tote ruhen. Anders dagegen ist der sekundäre Raum jenseits der Grenze, weil die hier angesiedelten Toten ein geheimnisvolles Leben führen, was diese Welt zu einer fantastischen macht. Dem Diesseits wird also ein Jenseits gegenübergestellt, welches ein Sterblicher normalerweise nur in eine Richtung betreten kann. So fürchtet der Böttcher namens Trampe auch, dass er sterben muss, als aus dem Friedhof dreimal nachts nach ihm gerufen wird. Doch er verbleibt nicht auf dem Friedhof, sondern überwindet, geführt von einem Hund, der Züge eines magischen Wesens trägt, mit einem Kahn die Grenze zum Jenseits. Auf der anderen Seite erfüllt er für eine lachende und tanzende adelige Gesellschaft, die aus einer weit zurückliegenden Zeit stammt, also aus Toten besteht, einen handwerklichen Dienst, für den er mit einem Fass voller Gold entlohnt wird. Weil Trampe aber unmäßig ist und sich weitere Fässer aneignen will, geht er schließlich leer aus. Immerhin darf er in die reale Welt zurückkehren, was das Erzählen von der jenseitigen Welt erst möglich macht und an sich schon ein so exzeptioneller Vorgang ist, dass der Führer in der Fontane-Zeit nur mit besonderem Schaudern und Zögern davon Kunde gibt.
Intertextuelle Bezüge
Bei der Ausgestaltung dieses Handlungsverlaufs werden zahlreiche intertextuelle Bezüge hergestellt, die dem zeitgenössischen gebildeten Publikum mit Sicherheit bekannt waren. Ein Fluss als Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten ist aus der Antike als Styx bekannt. Man überwindet ihn per Fähre. Der Fährmann in der Antike ist Acheron, jedoch in diesem Fall ist es ein Hund, der den Kahn durch Drehen des Kopfes steuert. Der Hund ist also nicht wie der antike Kerberos ein Schwellenhüter zur Welt der Toten, sondern erfüllt die Funktion eines Mentors, der bei der Überwindung der Schwelle hilft....

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 277 / 2019

Theodor Fontane

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8