Wolfgang Boettcher

Wort = Wort?

Anhand des Beispiels Bank erkennen die Lernenden, dass selbst ein scheinbar so eindeutiger grammatischer Begriff wie Wort in seiner Bedeutung eine gewisse Variabilität besitzt.
Anhand des Beispiels Bank erkennen die Lernenden, dass selbst ein scheinbar so eindeutiger grammatischer Begriff wie Wort in seiner Bedeutung eine gewisse Variabilität besitzt., © fottoo/stock.adobe.com; © Pefkos/stock.adobe.com

Wolfgang Boettcher|Kaspar H. Spinner

Was ist unter dem Begriff Wort zu verstehen?

Ein kleiner Text wird zum Ausgangspunkt, um mit Schülerinnen und Schülerndarüber nachzudenken, was mit dem Begriff Wort gemeint ist.

Mit Wort wird in Grammatiken häufig Unterschiedliches bezeichnet; die Bedeutungen des Terminus lassen sich anhand folgender Frage verdeutlichen: „Wie viele Wörter sind in den folgenden Sätzen kursiv gedruckt?
Erwartbare und einleuchtende Antworten:
(1) Es ist ein einziges Wort, wenn man unter Wort einen Bedeutungseintrag versteht, wie man ihn in einem Lexikon findet (in Grammatiken spricht man auch von „lexikalischem Wort oder „Lexem). Man abstrahiert dabei von der jeweiligen grammatischen Charakteristik (Kasus und Numerus) von Bank, in der es seine syntaktische Rolle im Satz wahrnehmen kann.
(2) Es sind drei Wörter (Bänke, Bank und Bänken), wenn man unter Wort Wortform versteht, also auf die unterschiedlichen Flexions-Formen von Bank schaut.
(3) Es sind fünf Wörter, wenn man auf die unterschiedliche Kasus-/Numerus-Charakteristik von Bank schaut, die von der syntaktischen Funktion im Satz verlangt wird (in Grammatiken spricht man auch von „syntaktischem Wort): Im 1. Satz ist Bänke ein Wort mit der syntaktischen Charakteristik Plural/Nominativ (es dient als Kern des Subjekts); im 2. und 3. Satz ist Bank dasselbe syntaktische Wort mit der Charakteristik Singular/Nominativ (in beiden Sätzen ist es Kern des Subjekts); im 4. Satz ist Bank ein eigenes syntaktisches Wort mit der Charakteristik Singular/Akkusativ (es ist Teil eines Adverbials); im 5. Satz ist Bänken ein eigenes syntaktisches Wort mit der Charakteristik Plural/Dativ (es ist Teil eines Attributs); im 6. Satz ist Bank ein eigenes syntaktisches Wort mit der Charakteristik Singular/Dativ (es ist Teil eines Adverbials).
(4) Es sind schließlich sechs Wörter, wenn man unter Wort Wortvorkommen (=token) versteht, also die kursiven Wörter einfach durchzählt. Dieser eher statistische Gesichtspunkt der Vorkommenshäufigkeit ist grammatisch weniger interessant, aber Vorkommenshäufigkeit in Texten hilft z.B. bei der Einschätzung, wie sich Sprachgebrauch verändert.
Im heutigen Deutsch werden häufig mehrere syntaktische Wörter durch dieselbe Wortform vertreten, wie Bank in den Sätzen 2, 4 und 6 zeigt. Manchmal gibt es demgegenüber mehr als eine Wortform für dasselbe syntaktische Wort, z.B. die Pluralformen Pizzas und Pizzen (oder Pizze). Zudem gibt es Wortformen, die zwei unterschiedlichen Lexemen zuzuordnen sind; das ist z.B. bei Bank der Fall (Sitzmöbel oder Geldinstitut). Das hier vorgestellte Unterrichtsmodell arbeitet mit diesem „Teekesselchen; es soll so die Unterscheidung von lexikalischem Wort („Lexem), syntaktischem Wort und Wortform verdeutlichen helfen.
Die Unterscheidung von lexikalischem und syntaktischem Wort ist nicht nur abstrakt richtig, sondern auch nützlich. Sie hilft z.B. über die Wortartzugehörigkeit von Nominalisierungen zu entscheiden: Jedes Verb, jedes Adjektiv (und viele Wörter weiterer Wortarten) kann man als Nomen gebrauchen: Der Hund ist schön Das Schöne an diesem Hund. Solche Nominalisierungen bereiten Probleme bei der Wortartbestimmung: Das Schöne scheint ein Nomen zu sein, wie die Großschreibung und der mögliche Artikel davor belegen, es kann als Subjekt eines Satzes benutzt werden – alles prototypische Eigenschaften von Nomen. Andererseits weist dieses „Nomen bei seiner Flexion prototypische Eigenschaften von Adjektiven auf: Es ist Genus-variabel (die Schöne – das Schöne), es zeigt andere Deklinationsformen, je nachdem ob ein bestimmter oder ein unbestimmter Artikel davorsteht (das Schöne ein Schönes), es bietet Steigerungsformen (das Schöne das Schönste). Also doch ein Adjektiv? Eine Erklärung für dieses ambivalente Flexions-Verhalten ist: Solche nominalisierten Adjektive sind als syntaktische Wörter Nomen, als lexikalische Wörter Adjektive; Sie werden als Nomen...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 282 / 2020

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