Katharina Böhnert | Wiebke Dannecker

Weißaufblätternde Nacht

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Katharina Böhnert | Wiebke Dannecker

Wortbildung als Stilmittel in Erich Arendts Gedicht Kykladennacht

Das hermetische Gedicht Kykladennacht lässt keine unmittelbare Deutung zu. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit Wortneuschöpfungen und nähern sich einer Gedichtform an, die sich einer konkreten Sinnzuschreibung verweigert.

In Erich Arendts Gedicht Kykladennacht werden die im Deutschen produktiven Wortbildungsmuster Komposition und Derivation für Neubildungen von Wörtern genutzt, um das Verstehen des Textes zu verlangsamen und eine Reflexion über das Gesagte anzuregen. Dies zeigt sich in der Ent-Konventionalisierung sprachlicher Strukturen und Wortbedeutungen, durch die Bedeutungen neu geschaffen werden. Im Gegensatz zu Komposita wie Tisch|bein oder Derivaten wie ess|bar, deren Bedeutung beim Lesen oder Hören automatisch abgerufen wird, fehlt diese konventionalisierte Bedeutung bei Neologismen wie uhrzeitgeboren, Mondatem oder nachther. So müssen sich die Rezipienten der Herausforderung stellen, die Irritation, die bei der Lektüre entsteht, zunächst auszuhalten (vgl. Kämper-van den Boogaart/Pieper 2008 S.58f.).
Zum Thema
Die auffällige Verwendung negierender Komposita (unheilbar, lippenlos, lautleer) und die Auflösung des Bezeichneten in abstrakte Verhältnisse und Formen (Krümmung, Höhlung) rufen einzelne, dunkle Bilder hervor, die allerdings nicht in einen kohärenten Handlungsrahmen eingebettet werden können. In der ersten Strophe wird etwa der nackte Fels beschrieben, der als „uhrzeitlich geborenes Gestein aus den Gezeiten des Meeres emporragt (Verse 57). In diesem Fall lässt sich die Wortbedeutung nicht als Summe von Teilbedeutungen lesen (uhrzeitgeboren  aus/durch/in der Uhrzeit geboren) und besteht somit eher aus einer subjektiven dritten Komponente, die durch interpretatorische Schlüsse hergeleitet werden muss. Bei uhrzeitgeboren drängt sich die phonologische Ähnlichkeit zum Wort Urzeit auf, die auf eine sehr weit zurückliegende Geburt hinweisen kann. Die Bedeutungserschließung kann bspw. mit der von den Schülerinnen und Schülern bereits thematisierten dunklen Stimmung des Gedichts unterstützt werden (uhrzeit- kann z.B.B.BB. auf die Endlichkeit des Seins verweisen). Es kommt also auf die Begründung an, welche die Lernenden für ihre jeweilige Deutung heranziehen. Auch eine Prüfung möglicher Textdeutungen durch die Einordnung des Gedichts in unterschiedliche Wissenskontexte (vgl. Zabka 2010, S.77) führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler die Intention hermetischer Lyrik, sich eines unmittelbaren Verständnisses zu verweigern, erkennen. So lässt die elementare (Meer, Fels, Dunkelheit, Licht) und mythisch bzw. mystisch (Mondatem, Medea, Eulennacht) aufgeladene Mittelmeerszenerie in Kykladennacht keine eindeutige Bedeutungszuschreibung über eine Klärung der einzelnen historischen Bezüge zu und verweist eher auf die grundsätzliche Schicksalshaftigkeit des Seins (vgl. Waldschmidt 2011 S.469f.). Im Verweis auf den Schlaf auf den Lidern Medeas (Verse 1213) findet sich etwa ein Bezug auf Überlieferungen aus der Antike, der sich als Aufruf von Wissen aus der griechischen Mythologie und damit ebenfalls als ein Erinnern an weit zurückliegende Zeiten der Menschheitsgeschichte verstehen lässt, doch auch hier gelingt keine konkrete historische Verortung. Dadurch vermittelt das Gedicht den Eindruck eines Verlorenseins in der Welt. Ein Glanz deutet eine mögliche Hoffnung an, der allerdings als unheilbar und kalt beschrieben wird (Verse 910). Das windleere Tor, das kein Kommen, kein Gehen / kennt (Vers 1819), setzt dem hoffnungsvollen Glanz wiederum die Leere und Stille der Nacht entgegen, die mit der Höhlung im Blick (Vers 2223) der Hoffnungslosigkeit des lyrischen Ichs auf eine Wendung der Geschichte Ausdruck verleiht. Assoziationen wie Dunkelheit in einer Höhle bzw. das Bild eines ausgehöhlten Blicks evozieren die Vorstellung einer dunklen Leere. Hierzu passt, dass im...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 271 / 2018

Wörter bilden und verstehen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13