Nanna Fuhrhop

Schriftsprachen vergleichen

Abb. 2: Was schon am Titel zu sehen ist …
Abb. 2: Was schon am Titel zu sehen ist …

Nanna Fuhrhop|Astrid Müller|Renata Szczepaniak

Die Leserfreundlichkeit des Deutschen

Schülerinnen und Schüler bewegen sich in und außerhalb der Schule in multilingualen Kontexten und begegnen dabei verschiedenen Schriftsystemen. Das Modell zeigt, dass das Zeicheninventar und die Kombination der Zeichen schriftsprachabhängig sehr unterschiedliche Funktionen erfüllen können und dass sich das deutsche Schriftsystem als besonders leserfreundlich auszeichnet. Dieser vergleichende Zugang führt zu größerer Aufmerksamkeit gegenüber den Besonderheiten einzelner Schriftsysteme.

Zahlreiche Schriftsprachen bedienen sich des Buchstabeninventars des lateinischen Alphabets und sehen sich deshalb auf den ersten Blick recht ähnlich (vgl. Abb. 1 ). Auf den zweiten Blick offenbaren sich große Unterschiede in Form und Funktion dieser und anderer Zeichen in verschiedenen Schriftsystemen. Das soll zunächst vergleichend am Buchstabeninventar verschiedener Schriftsprachen und dann an Auffälligkeiten des Deutschen (besondere Buchstaben wie ä, ö, ü, ß, satzinterne Großschreibung, Stammkonstanz, Zusammenschreibung von Komposita) im Vergleich gezeigt werden, schließlich auch an Merkmalen, die eher in anderen Sprachen als im Deutschen auftreten (andere besondere Buchstaben, Apostroph, Bindestrich). Besonderheiten zeigen sich auch bei der Verwendung weiterer Interpunktionszeichen, auf die ebenfalls knapp verwiesen wird (vgl. Kasten).
Vergleich des Buchstabeninventars verschiedener Schriftsprachen und deutsche Auffälligkeiten
Vergleich des Buchstabeninventars verschiedener Schriftsprachen und deutsche Auffälligkeiten
1. Buchstaben
Im Deutschen finden sich Besonderheiten auf der Ebene der Buchstaben und ihrer Kombinationen untereinander bzw. mit anderen Zeichen zum einen bei solchen Buchstaben wie ä, ö, ü, ß, zum anderen zum Beispiel bei h nach Vokalen. Für das Niederländische ist die Kombination ij ebenso typisch wie die vielen Doppelvokale (mooie, droom), für das Englische Kombinationen wie th, wh, gh (thought). Im Französischen fallen die häufigen Akzentzeichen (arrivé, où) auf, insbesondere in Kombinationen wie ée (accrochée), im Spanischen vor allem ñ (sueño). Romanische Sprachen fallen durch die häufige Nutzung von qu auf, z.B. im Spanischen zeichnen sich pequeña, que, tranquila aus. Im Polnischen fällt eine Reihe von Buchstaben mit Sonderzeichen, darunter ł, s´, a˛, , z., z´, o´ sowie die Häufung von Konsonantenbuchstaben (wie ws´r in ws´ród oder szcz in umieszczony), auf. Manche Besonderheit mag mit der lautsprachlichen Realisierung zusammenhängen, aber längst nicht jede. Denn die Schrift vermag auf morphologische und syntaktische Besonderheiten zu verweisen und damit häufig lesesteuernde Funktion einzunehmen.
2. Satzinterne Großschreibung
Das Deutsche ist heute neben Luxemburgisch die einzige Sprache mit einer regelhaften Großschreibung jenseits von Satzanfängen und Eigennamen. Mit der satzinternen Großschreibung wird der Kern der Nominalgruppe gekennzeichnet. Das ist im Deutschen besonders hilfreich, weil es als Klammersprache weite Abstände zwischen dem am Beginn der Nominalgruppe stehenden Artikel und dem nominalen Kern zum Schluss der Nominalgruppe erlaubt, z.B. finden wir in dem Textauszug in Material 1:
Deutsch: ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer
Niederländisch: een echte, zij het wat te kleine mensenkamer (ein echtes, sei es etwas zu kleines Menschenzimmer)
Englisch: a proper human room, if admittedly rather too small (ein echter Menschenraum, wenn auch zugegebenermaßen eher zu klein)
Französisch: une vraie chambre humaine, juste un peu trop petite (ein wahres Zimmer menschliches, lediglich ein wenig zu kleines)
Spanisch: una auténtica habitación humana, si bien algo pequeña (ein wahres Zimmer menschliches, obgleich etwas kleines)
Polnisch: prawdziwy, nieco tylko zbyt mały ludzki pokój (echtes, etwas nur zu kleines menschliches Zimmer)
Im Deutschen „sucht das...
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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 278 / 2019

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Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13