Ursula Bredel

Schreiben wiedie alten Römer?

Die Inschrift in der Ehrensäule für den Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) kann für einen alternativen Stundeneinstieg genutzt werden.
Die Inschrift in der Ehrensäule für den Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) kann für einen alternativen Stundeneinstieg genutzt werden., gemeinfrei

Ursula Bredel

Den Wortzwischenraum und Wortbegriffe erkunden

Welche Funktion hat der Wortzwischenraum für das Lesen? Das Modell zeigt, wie man bereits Grundschülerinnen und Grundschülern ausgehend von Schrift Einsichten in grammatische Strukturen vermitteln kann.

Der Erstklässler Jakob (aus Weinhold 2000, Klappentext) hatte die Aufgabe, das Märchen vom Rotkäppchen nachzuerzählen.
Vor rund 100 Jahren, in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, hätte der Lehrer Hauffe Jakob folgende Hilfe angeboten: „Während der Sprechübungen sind die Kinder anzuleiten, dass sie aus kurzen Sätzen die einzelnen Wörter heraushören und angeben können. Das geschieht nicht durch theoretische Belehrungen, sondern durch Vorsprechen und Üben. Der Satz: ‚Die Mutter kocht wird z.B. so gesprochen, dass hinter jedem Wort eine kleine Pause entsteht. Die Einsicht, was ein Wort ist, bringen die Kinder meist in die Schule mit. Bis 3 können sie auch zählen. Daher ist die Frage: Wie viel Wörter sind das? nicht zu schwer. (zit. nach Bosch 1937, S. 89f.)
Heute geht sicherlich niemand mehr so vor. Denn im Vorschlag von Hauffe stecken zwei überholte Annahmen: Einerseits geht er davon aus, dass die geschriebene Sprache die gesprochene Sprache abbildet; er meint, dass man Wörter aus Sätzen heraushören könne und dass der Wortzwischenraum durch eine Pause hörbar gemacht werden könne. Andererseits wissen die Kinder laut Hauffe, was ein Wort ist.
Aber auch die Gesamtlogik von Hauffes Vorschlag ist einigermaßen verwickelt: Wenn die Schülerinnen und Schüler tatsächlich wüssten, was ein Wort ist, würden sie keine Fehler bei der schriftlichen Wortabtrennung machen. Die Übung wäre also überflüssig. Wenn sie nicht wissen, was ein Wort ist, können sie die Übung nicht bewältigen.
Um zu ermitteln, welche Wortbegriffe Kinder in die Schule mitbringen, wurden verschiedene Studien durchgeführt, von denen fünf in Kasten 1 vorgestellt werden (im Überblick Bredel 2013).
Führt man diese Experimente mit Erwachsenen durch, erhält man andere Ergebnisse: Bei der Wortlänge werden die Buchstaben gezählt, was auch dazu führt, dass Strumpf für länger gehalten wird als Büro, obwohl es sich bei Strumpf um einen Einsilber, bei Büro um einen Zweisilber handelt. Bei der Wortassoziation orientieren sich Erwachsene an Wortarten: die häufigste Wortassoziation zu Tisch ist Stuhl, zu schlafen träumen, zu gehen laufen und zu Funktionswörtern wie und wird oder gewählt. Die Wortanalyse von Geburtstag wird korrekt vorgenommen, die Bedeutung des Gesamtausdrucks wird auf Tag der Geburt zurückgeführt.
Bei der Worterinnerung sind es die Anfangsbuchstaben, die führend sind (das war irgendwas mit L), bei der Wortzählung werden Funktions- und Inhaltswörter einbezogen. Im Überblick ergibt sich das in Kasten 2 dargestellte Bild.
Fragt man nun noch einmal mit den Worten Hauffes (siehe oben), ob die Kinder „[d]ie Einsicht davon, was ein Wort ist, [] meist in die Schule mit[bringen], muss diese Frage mit Jein beantwortet werden: Die Lernenden haben Vorstellungen von dem, was ein Wort ist, orientieren sich aber an anderen Kriterien als denen, die für die Schrift benötigt werden.
Der Wortbegriff, der gebraucht wird, um den Wortzwischenraum zu setzen, ist das syntaktische Wort. In der Schrift abgetrennt werden Wörter mit syntaktischer Funktion. So bleibt das Wort Apfel in Apfelbaum ohne Worttrenner, weil es keine syntaktische Funktion übernimmt. Erkennbar ist dies daran, dass die syntaktischen Funktionen (z.B. Plural, Genitiv) an -baum markiert werden (Apfelbäume, des Apfelbaums), nicht an Apfel- (*Äpfelbaum, *des Apfelsbaum).
Diese Einsichten bei den Kindern aufzubauen, ist eine wesentliche Aufgabe des Grammatikunterrichts und zugleich des Rechtschreibunterrichts. Für Lernende, die am Anfang des Schriftspracherwerbs stehen, sind sie aber sehr abstrakt und so noch nicht zugänglich.
Und hier ist Hauffe zuzustimmen, der von „theoretischen Belehrungen abrät....

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 282 / 2020

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