Melanie Bangel

Ist ein Einlaufkind ein Kind, das kleiner wird?

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Melanie Bangel

Was uns Wortbausteine über Wortbedeutungen verraten und was nicht 

Unbekannte Wörter lassen sich unterschiedlich leicht erschließen. In diesem Modell lernen Schülerinnen und Schüler, wie ihnen die Untersuchung der Wortbildungsstruktur dabei hilft, Bedeutungen herauszuarbeiten.

Komplexe Wörter sind ein beliebtes Stilmittel in journalistischen und literarischen Texten. Sowohl Wortneuschöpfungen wie tiefbegabt oder Blutmatsche (aus: Rico, Oskar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel) als auch Wortneuinterpretationen (Einlaufkind) haben eine anregende und unterhaltende Wirkung, die die Leselust fördern kann. Um solche Neubildungen und ihre Wirkung verstehen zu können, ist es hilfreich, ihren morphologischen Aufbau zu durchschauen und so entstandene Bedeutungshypothesen mit dem Kontext abzugleichen.
Thema
Die Analyse der Wortbildungsstruktur kann als erster Zugang genutzt werden, um die Bedeutung von unbekannten komplexen Wörtern herauszubekommen. Der Zusammenhang zwischen Wortstruktur und Bedeutung ist allerdings mitunter nur für den Schöpfer der Wortneubildung durchschaubar. Der Rezipient muss unterschiedliche Informationsquellen (Sprach- und Weltwissen, kontextuelle Informationen) heranziehen und kombinieren. So interpretiert die zehnjährige Dilara das Wort Misserfolg als „Frauenerfolg (vgl. Bangel 2018, S.282f.). Analog zu Misswahl könnte das eine mögliche Bedeutung sein. Um sich die Bedeutung von Misserfolg (bestehend aus Präfix + Wortstamm) zu erschließen, hilft es, den Kontext hinzuzuziehen. Genauso verhält es sich mit dem Wort Einlaufkind; das Kompositum meint in seiner gebräuchlichen Verwendung ein Kind, das vor Beginn von Sportereignissen einen Spieler auf das Spielfeld begleitet. Durch die Mehrdeutigkeit des Erstglieds (einlaufen) wäre auch ein Kontext denkbar, in dem das Wort „ein Kind, das kleiner wird bedeutet. Trotz dieser unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten bleibt Einlaufkind morphosemantisch transparent bzw. motiviert: Die Gesamtbedeutung des Wortes lässt sich prinzipiell allein auf der Grundlage der Analyse der Wortbildungsstruktur erschließen.
Der Grad der morphosemantischen Motiviertheit (voll-, teil- oder demotiviert) gibt Auskunft darüber, ob bzw. inwiefern wir die Bedeutung eines Wortes allein auf der Grundlage seiner Wortbausteine erschließen können. So sind zum Beispiel Schreibheft und missdeuten „vollmotiviert, weil sich ihre Bedeutung aus den Bestandteilen herleiten lässt; Muttersprache und Frühchen sind „teilmotiviert, weil sich die lexikalische Bedeutung nur bedingt allein aus der morphologischen Struktur erschließen lässt; erfahren und Augenblick sind nicht aus den Einzelbestandteilen zu rekonstruieren, die Bedeutung muss gelernt werden wie bei einfachen Wörtern (vgl. Fleischer/Barz 2012, S.44ff.).
Auch wenn der Motivationsgrad neu gebildeter Wörter mit zunehmender Verwendungshäufigkeit abnehmen kann, ist i.d.R. zumindest eine Annäherung an die Wortbedeutung über die Analyse der Wortbildungsstruktur möglich; vollständig demotiviert wird (vergleichsweise) selten (vgl. ebd., S.46). Im bestehenden deutschen Wortschatz finden sich dennoch viele demotivierte komplexe Wörter. Deshalb müssen im Unterricht sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen der Worterschließung thematisiert werden, die auf der Analyse der Wortstruktur aufbaut. So ist eine vollständige Analyse der Bestandteile eines Wortes (z.B. Miss|er|folg) oftmals nur bedingt hilfreich, da sich die Gesamtbedeutung nur (noch) aus der binären Struktur (z.B. Miss|erfolg) ergibt. In Fällen vollkommener Demotiviertheit führt aber auch dies auf einen falschen Bedeutungspfad.
Intentionen
Durch die Auseinandersetzung mit Aufbau und Bedeutung von komplexen Wörtern können die Schülerinnen und Schüler entdecken, inwiefern sich die Gesamtbedeutung eines Wortes aus den Bedeutungen seiner Konstituenten herleiten lässt. Sie lernen die morphologische Analyse als mögliche...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 271 / 2018

Wörter bilden und verstehen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 6-7