Astrid Müller

Grammatik entdecken

Bei dem Wort ESSEN benötigen Lernende den Kontext, damit sie sagen können, ob es sich um ein Nomen oder ein Verb handelt.
Bei dem Wort ESSEN benötigen Lernende den Kontext, damit sie sagen können, ob es sich um ein Nomen oder ein Verb handelt., © Mykhailo Pastyr/shutterstock.com

Astrid Müller|Doris Tophinke

Wie kann der Erwerb grammatischen Wissens durch das Entdecken, Beschreiben und Analysieren grammatischer Strukturen unterstützt werden? Und wie kann der Unterricht sprachlich-kognitive Operationen fördern, damit Entdeckungen an sprachlichen Strukturen und Einsichten in ihre Funktionen möglich werden? Der Basisartikel erläutert, wie Schüle-rinnen und Schüler schrittweise an grammatische Analysen herangeführt werden können.

Wozu das Heft?
Eine der wichtigsten Aufgaben des Deutschunterrichts ist es, Schülerinnen und Schüler beim Lesen- und Schreibenlernen über die gesamte Schulzeit hinweg zu unterstützen. Das schriftsprachliche Können entwickelt sich verkürzt gesagt in Lernsituationen, in denen es Möglichkeiten zum reflektierten Gebrauch der Schriftsprache gibt. Wie viel grammatisches Wissen dafür notwendig ist, ist eine kontrovers diskutierte Frage. Untersuchungen zum Einfluss des Grammatiklernens auf das schriftsprachliche Können kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass explizites grammatisches Wissen das Schreiben und das Leseverstehen positiv beeinflusst (vgl. Funke 2014). So können schon jüngere Kinder Sätze mit Wörtern wie in, auf, unter bilden und verstehen, ohne dass sie wissen, dass es sich bei diesen kleinen Wörtern (vgl. Tophinke 2013) um Präpositionen handelt. Um Sätze zu bilden, müssen sie weder Satzglieder erkennen noch diese benennen können. Das trifft auch auf Kinder und Jugendliche zu, die Deutsch als zweite Sprache erwerben (vgl. Diehl et al. 2000).
Für den Lernbereich „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen bedeutet das eine große Entlastung. Er kann am (schrift-)sprachlichen Können ansetzen, ohne es selbst entwickeln zu müssen. Er vermittelt Einsichten in die Grammatik des Deutschen, zeigt analytische Operationen auf, mit denen sich Sprache grammatisch „aufschließen lässt, und führt dabei wichtige Fachtermini z.B. Präposition, Nomen, Objekt ein. Diese Fachwörter sind die Basis für die Verständigung über Sprache und Sprachgebrauch. Es kann sich Aufmerksamkeit für sprachliche Strukturen entwickeln und es kann Sprachbewusstheit entstehen. Grammatischem Wissen sprechen wir deshalb einen eigenen Bildungswert zu, der sich nicht in einer dienenden Funktion für die Könnensentwicklung erschöpft, aber diese in vielfältiger Weise begleitet. Wie der Erwerb grammatischen Wissens durch das Entdecken, Beschreiben und Analysieren grammatischer Strukturen unterstützt werden kann, wollen wir in diesem Heft exemplarisch zeigen. Besonderes Augenmerk soll dabei darauf liegen, wie der Unterricht die Anwendung sprachlich-kognitiver Operationen fördern kann, die Entdeckungen an sprachlichen Strukturen und Einsichten in ihre Funktionen überhaupt erst ermöglichen.
Bau und Funktion sprachlicher Mittel entdecken
Die Analyse einer Unterrichtsszene soll zunächst illustrieren, was für Operationen den Aufbau grammatischen Wissens unterstützen können:
Julius wendet zur Lösung dieser Aufgabe wichtige sprachanalytische Operationen an: Er sortiert Wörter und versucht, seine Zuordnung mithilfe lexikalisch-semantischer und morphologischer Kriterien zu begründen. Selbstverständlich verfügt Julius noch nicht über ein differenziertes Konzept davon, was Wörter einer bestimmten Wortart besonders auszeichnet. Seine Begründungen sind deshalb nicht unbedingt aufgabenangemessen: Bei dem Nomen Banane scheint sich Julius beispielsweise über eine Kollokation, also ein im inhaltlichen Zusammenhang mit dem Abgebildeten stehendes Wort, zu nähern: Banane-essen. Proben wie die Artikelprobe (die Banane) und die Pluralprobe (viele Bananen) oder die Erweiterungsprobe (die gelbe Banane), die sich für das Erkennen prototypischer Nomen anbieten (vgl. das Modell von Stephanie Schönenberg), kennt er noch nicht. Die Bildunterstützung scheint ihm zudem kaum zu helfen, sondern die gewünschte Aufgabenlösung sogar zu behindern. Wörter und Bilder sind nicht gleichzusetzen. Besonders ein Handlungsverb wie essen lässt sich in seiner Prozesshaftigkeit nur schwer in einem Bild zeigen. Bei dem Wort ESSEN sind wir bei der Festlegung, ob es ein Nomen oder ein Verb ist, zudem stark auf den Kontext angewiesen: Ist das Verb gemeint (das Kind isst/die Kinder essen) ...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 282 / 2020

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Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 2-13
  • Thema: Grammatik
  • Autor/in: Astrid Müller | Doris Tophinke