Rasmus Frederich

Eindeutig mehrdeutig – Fremdwörter und ihr grammatisches Geschlecht

Wie muss es heißen: Das Joghurt, der Joghurt, die Joghurt?
Wie muss es heißen: Das Joghurt, der Joghurt, die Joghurt? , © Anikonaann/stock.adobe.com

Rasmus Frederich

Zwei Freunde, die gemeinsam einen Urlaub planen, telefonieren miteinander. Es geht um ein Buchungsangebot, das der eine dem anderen per E-Mail geschickt hat: „Hast du die E-Mail schon bekommen? „Ja, das E-Mail habe ich gerade gelesen. Ein Moment der Irritation. Kann man „das E-Mail sagen? Darf ich meinen Freund verbessern? Auch das gemeinsame Sehen einer Nachrichtensendung kann zur sprachwissenschaftlichen Herausforderung werden: Heißt es nun „das Virus oder „der Virus? Was ist richtig?
Elke Donalies Artikel Das Joghurt, der Joghurt, die Joghurt? befasst sich mit den Uneindeutigkeiten und Widersprüchen bei der Genuszuweisung von Substantiven, die in die deutsche Sprache übernommen werden. Sie stellt die Problematik anhand vielfältiger Beispiele dar und wirft die Frage auf, auf welchem Wege es bei Fremdwörtern zur Genuszuweisung kommt. Hier werden laut Donalies drei verschiedene Strategien angewandt:
a) Zuweisung des grammatischen Geschlechts nach der Gestalt des Fremdworts
Surfer und Tuner werden beispielsweise aufgrund ihrer Endung -er analog zu Lehrer dem Maskulinum zugewiesen, obwohl diese Zuweisung nicht dem grammatischen Geschlecht in der Ausgangssprache entspricht.
b) Zuweisung des grammatischen Geschlechts nach dem Leitwortprinzip
Ist dem Leitwort bereits ein festes Genus zugewiesen (z.B. die Frucht), so folgen aus anderen Sprachen übernommene Wörter, diesem Genus (die Zitrone, die Ananas )
c) Zuweisung des grammatischen Geschlechts durch Import des Quellengenus
Dies sei vor allem bei „gebildete(n) Sprecher(n) vorzufinden, die Grappa nicht mittels des Leitwortprinzips (der Schnaps) dem Maskulinum zuordnen, sondern sich auf die Femininum-Endung des Italienischen -a beziehen und die Grappa sagen. Ob hier auch der Versuch eine Rolle spielen könnte, eine soziale Distinktion mit sprachlichen Mitteln zu erreichen, lässt die Autorin jedoch offen. Bezüglich der Strategien der Genuszuweisung besteht keine feste Hierarchie, jedoch setzt sich im zeitlichen Verlauf meist eine Form durch. Allerdings, betont Donalies, etablieren sich Varianten, die durch ihren zeitlichen (der Lasso, das Lasso), fachsprachlichen (der Virus, das Virus) oder regionalen Kontext geprägt sind (Varietäten).
Reflexion von Sprachgebrauch
Für Lernende besteht die Chance, anhand des Themas Genuszuweisung ihre eigene Sprachverwendung zu reflektieren und ihr Bewusstsein für Phänomene des Sprachwandels und der sprachlichen Normenbildung zu schärfen: Zwar gibt es Prinzipien, nach denen die Genuszuweisung bei Fremdwörtern erfolgen kann, diese kommen aber zu unterschiedlichen Ergebnissen und erst die Durchsetzung einer Variante im standardsprachlichen Gebrauch führt zu einer Festlegung. Dies zeigt den Lernenden deutlich, dass der Sprachgebrauch durch Variation bestimmt ist: Mehrere Varianten existieren nebeneinander. Normierungsinstanzen machen dann oftmals diejenige Variante zur Norm, die besonders häufig vorkommt. Und auch dies führt nicht immer zu Eindeutigkeit. So werden im aktuellen Rechtschreibduden der Like und der Chat zwar eindeutig zugeordnet, für Account (der oder das) oder E-Mail (die oder das) sind hingegen zwei Zuordnungen möglich. Warum sagt man eigentlich der Touchscreen, aber das Touchpad? Im ersten Fall ließe sich das Leitwort Bildschirm (m) heranziehen, im zweiten Fall wird es schon schwieriger. Diese und weitere Beispiele aus der Lebenswelt der Lernenden (Pizza, Milchshake, Smartphone …) sowie aus dem Fundstück und von der Lerngruppe genannte Begriffe können genutzt werden, um die Lernenden spielerisch ihren eigenen Sprachgebrauch hinterfragen zu lassen. Hier können Fremdwörter, aber auch Kunstwörter (iPad, nutella, hanuta) in den Blick genommen werden. Und manchmal ja, vielleicht sogar häufig kann das Ergebnis lauten: Es gibt keine eindeutige Herleitung oder Begründung für die eine Genuszuweisung. Unser Gebrauch und das Empfinden sprachlicher Korrektheit sind...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 280 / 2020

Gespräche über Literatur

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 8-9