Renata Szczepaniak

„Des Tages Licht“

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Renata Szczepaniak

Wie hat sich das Deutsche zur kompositionsfreudigen Sprache entwickelt?

Das Deutsche ist für seinen Reichtum an Kompositionsformen bekannt. Woher kommt diese Besonderheit? Schülerinnen und Schüler entdecken Mechanismen des Sprachwandels am Beispiel der Entwicklung von Komposita aus Wortgruppen mit Genitivattribut.

Die Komposition ist im heutigen Deutsch die mit Abstand wichtigste Methode der Wortschatzerweiterung. Gleichzeitig ist sie vergleichweise „jung, sodass man vielen Komposita ihre Entstehungsgeschichte noch ansehen kann. So gibt es im Deutschen neben unauffälligen (häufig auch recht alten) Komposita wie Hand+Schuh oder Hand+Werk auch solche, deren Struktur verrät, dass sie aus Genitivphrasen entstanden sind, z.B. das Tageslicht aus des Tages Licht oder das Menschenleben aus des Menschen Leben. Denn anders als im heutigen Deutsch konnten Genitivattribute früher noch vor dem Bezugsnomen stehen, z.B. des Tages Licht oder des Menschen Leben. Weitere Beispiele sind in Material 3 zu finden. Heute werden Genitivattribute meist nachgestellt, z.B. der Aufbau des Unterrichts (und nicht etwa *des Unterrichts Aufbau). Die Voranstellung ist lediglich bei Eigennamen und Verwandtschaftsbezeichnungen üblich; hier wird auch völlig unabhängig vom Genus des Wortes (die Oma, der Opa) ein -s angehängt, z.B. Omas Auto, Opas Socken.
Komposita entstanden durch die Verschmelzung der vorangestellten Genitive mit dem Folgenomen. Dabei verloren die Flexionsendungen, z.B. -es in des Tages Licht zu das Tag+es+licht, ihre ursprüngliche Funktion, Flexion zu markieren, und sind zu Fugenelementen geworden. So behielten Feminina, deren Genitiv heute endungslos ist, als Fuge in den Komposita Zunge+n+spitze, Sonne+n+aufgang oder Frau+en+fußball ihre alte Genitivform der Zungen, der Sonnen, der Frauen.
Das Deutsche verfügt heutzutage über acht Fugenelemente (s. Kasten 1).
1|Fugenelemente des Deutschen
1|Fugenelemente des Deutschen
  • en (Frau+en+fußball)
  • ens (Herz+ens+angelegenheit)
  • es (Jahr+es+ende)
  • er (Kind+er+sitz)
  • e (Pferd+e+schwanz)
  • n (Sonne+n+blume)
  • ns (Name+ns+schild)
  • s (Unterricht+s+raum, Arbeit+s+kreis)
Heutzutage sind die en-Fuge und insbesondere die s-Fuge produktiv. Letztere kann heute auch an Feminina treten, z.B. Arbeit+s+kreis, Ausstellung+s+raum, obwohl diese nie eine s-Endung hatten.
Die heutige orthografische Regel, dass Wortbildungsprodukte zusammengeschrieben werden, ist ebenfalls relativ jung. In der Zeit, als das neue Kompositionsmuster wie in Tag+es+licht entstand, variierte ihre Schreibung sehr stark (s. Kasten 2).
2|Zusammenschreibung von Komposita im historischen Verlauf
2|Zusammenschreibung von Komposita im historischen Verlauf
Kopf (i.Dr.) beobachtet in historischen Drucken eine zunehmende Zusammenschreibung. Doch während die Zusammenschreibung der Komposita ohne Fuge (wie Handschuh oder Handwerk) bereits um 1500 fast regelhaft ist (lediglich 13% aller unverfugten Komposita wurden getrennt geschrieben), nimmt die Zusammenschreibung der verfugten Komposita im 16. Jh. leicht zu und wird im 17. Jh. wieder seltener. Stattdessen werden verfugte Komposita meist mit Bindestrich verbunden, z.B. Religions-Frieden. Der Bindestrich, der die Zugehörigkeit beider Teile zu einem Wort markierte, geht im 18. Jh. wieder zurück. Im Gegensatz zu gedruckten Texten waren Produzenten von handschriftlichen Texten konservativer: Etwa die Hälfte aller Komposita sind in den von Dücker/Szczepaniak (2017) untersuchten Handschriften (Protokolle von Hexenverhören) aus dem 16./17. Jh. noch getrennt geschrieben.
Intentionen
An der Entwicklung der Komposition lernen die Schülerinnen und Schüler ein Beispiel für Sprachwandel kennen. Sie entdecken, wie Formen (Flexionsendungen) uminterpretiert werden und eine neue Funktion (als Fugenelement zur Verbindung von zwei Nomen) bekommen. An Originalbelegen aus historischen Texten vollziehen sie nach, wie...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 271 / 2018

Wörter bilden und verstehen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-13