Matthis Kepser

Was ist schlecht am schlechten Film?

Oliver Kalkofe und Peter Rütten kommentieren bei SchleFaz (Tele 5) Daniel der Zauberer (D 2004, Regie: Ulli Lommel). Die halbdokumentarische Komödie um und mit dem ehemaligen DSDS-Kandidaten Daniel Küblböck gilt auf vielen Listen als einer der „schlechtesten Filme aller Zeiten“
Oliver Kalkofe und Peter Rütten kommentieren bei SchleFaz (Tele 5) Daniel der Zauberer (D 2004, Regie: Ulli Lommel). Die halbdokumentarische Komödie um und mit dem ehemaligen DSDS-Kandidaten Daniel Küblböck gilt auf vielen Listen als einer der „schlechtesten Filme aller Zeiten“ , © TELE 5

Matthis Kepser

Bausteine für ein gestuftes Curriculum der ästhetischen Kritikfähigkeit

Üblicherweise wird Urteils- und Geschmacksbildung im Deutschunterricht am Beispiel von hochgeschätzten Meisterstücken betrieben. Das vorliegende jahrgangsübergreifende Modell geht den umgekehrten Weg und bietet damit einen originellen und amüsanten Lerngegenstand.

Ein Curriculum der ästhetischen Kritikfähigkeit kann nicht mehr darauf aus sein, Schülerinnen und Schüler vom schlechten, rohen Geschmack zum guten, feinsinnigen zu führen. Denn die Kategorie des guten Geschmacks ist sowohl kunsttheoretisch als auch soziologisch obsolet geworden (vgl. dazu umfassend Illing 2017). Gleichwohl spielen Geschmacksurteile im Umgang mit ästhetischen Gegenständen nach wie vor eine Rolle bei der individuellen Auswahl, im Gespräch mit anderen und im gesamtkulturellen Diskurs (Online-Rezensionen, Feuilleton, Wissenschaft etc.; vgl. das literaturdidaktische Grundmodell von Kepser/Abraham 2016, S. 19 – 27). Die hierzu in der Schule im Allgemeinen und im Deutschunterricht insbesondere anzustrebende Kompetenz sollte daher ästhetische Kritikfähigkeit sein, also die diskursive Fähigkeit zur begründeten und reflektierten Äußerung von Ge-schmacksurteilen.
Ich fand schon immer, dass guter Geschmack der größte Feind der Kreativität ist. Wenn sich alle einig sind, dass etwas gut ist oder eben schlecht dann erstickt das alles Neue.
Nicolas Winding Refn (Regisseur), SZ (136) 2019, S. 23.
Das Bonmot vom Geschmack, über den sich nicht streiten lässt („de gustibus non est disputandum), ist dabei wahr und falsch gleichzeitig: Es ist wahr, weil Geschmack eine subjektive Einstellung und Empfindung ist, von der kein anderer das Recht hat, sie jemandem abzusprechen. Es ist falsch, weil solche Einstellungen und Empfindungen nicht naturgegeben, sondern kulturell geprägt sind, im Kontakt mit anderen erworben werden und ein solcher Kontakt durchaus auch die Form des Streits annehmen kann. Strittig werden solche Geschmacksdiskurse immer dann, wenn sie mit Werturteilen geführt werden („Das ist ein guter Film „Nein, das ist ein schlechter Film). Nun könnte man es zwar für ein kommunikatives (weil konfliktvermeidendes) und kunsttheoretisches Ideal halten, solche Äußerungen zu ächten. In der kulturellen Praxis dürfte das aber kaum Aussicht auf Erfolg haben, ja, es ist zu fragen, ob das überhaupt wünschenswert wäre: Denn sofern das ästhetische Streitgespräch konstruktiv bleibt, ist es das vielleicht wichtigste Instrument, mit dem wir Kritikfähigkeit üben eine letztendlich lebenslange Aufgabe, auf die die Schule nur vorbereiten kann (und soll). Wie ein über den schulischen Bildungsgang verteiltes Curriculum der geschmackästhetischen Äußerungskompetenz angelegt sein könnte, zeigt Abbildung 1 . Dabei sind natürlich binnendifferenzierende Zielsetzungen möglich.
Intentionen
Üblicherweise wird Urteils- und Geschmacksbildung im Deutschunterricht über die Auseinandersetzung mit hochgeschätzten Meisterstücken betrieben, sei es mit preisgekrönten Kinder- und Jugendbüchern, der sogenannten Höhenkammliteratur oder mit Klassikern des Kinofilms. Letzteres war auch die vorgeschlagene Lösung des von der Bundeszentrale für politische Bildung 2003 initiier-ten Kongresses Kino macht Schule (vgl. dazu Kepser/Abraham 2016, S. 210 – 212). Im vorliegenden jahrgangsübergreifenden Unterrichtsmodell wird der umgekehrte Weg vorgeschlagen: Lernende erkunden, was aus welchem Grund eigentlich schlecht an einem schlechten Film ist. Dafür muss man nicht unbedingt gemeinsam B- und C-Movies anschauen, wobei auch auf diesem Wege ohne Zweifel Filmbildung zu erwerben ist, und das obendrein recht recht lustvoll (vgl. schon Holzmann 2003). Gegenstand sollen vor allem Diskurse um „schlechte Filme sein, schülereigene, feuilletonistische und kulturkritische.
Unterricht
Im Folgenden werden für die 8.13. Jahrgangsstufe Vorschläge für die Gestaltung eines Unterrichts...
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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

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Methode & Didaktik Schuljahr 8-13